„Ein paar Priester, Mönche oder frati saßen immer auf den Stühlen am Zahltisch in lebhaftem Gespräch über Tagesereignisse, die neuesten Wunder dieses oder jenes Heiligen und die Wirksamkeit der verschiedenen Madonnen, die Madonna del Carmine, die Madonna del Ajuto, die Madonna della Buona Morte, l’Addolorata, la Madonna Egiziaca.
Selten, sehr selten hörte ich den Namen Gottes nennen, den Namen seines Sohnes nie. Einmal wagte ich es, einem schäbigen alten Frate, der mein besonderer Freund war, mein Erstaunen auszusprechen, daß in ihren Gesprächen Christi Namen nie vorkäme. Der alte Frate machte aus seiner persönlichen Meinung kein Geheimnis, daß Christus nie jemanden vor der Cholera gerettet. Seine heilige Mutter hatte sich die Augen ausgeweint seinetwegen. Was hatte er seinerseits für sie getan?
“Weib”, sagte er, “was habe ich mit dir zu schaffen?”
“Perciò ha finito male! Deshalb nahm es auch ein schlimmes Ende mit ihm.”“
Axel Munthe, 1929
Axel Munthe ( geb. 1857 in Oskarshamn- gest. 1949 in Stockholm) war ein schwedischer Schriftsteller, Psychiater und Arzt, der sich im jungen Alter in die Insel Capri verliebt um dort die berühmte Villa San Michele errichten zu lassen. Als junger Arzt hilft er während der Cholera-Epidemie in Neapel aus und wird bis heute von der lokalen Bevoelkerung sehr geschätzt. Der Mutter-Kult in Italien hat wohl antike Wurzeln, wie auch im Museum von Capua mit der Verehrung der Mater Matutae zu erkennen ist. In dieser kleinen Anekdote aus Neapel beschreibt er die Tendenz Italiens besonders die Madonna zu verehren: der Frate scheint überrascht vom undankbaren Benehmen des Sohn Gottes gegenüber seiner Mutter.
Von 343 bis 290 vor Christus konzentriert sich Rom fast ohne Unterbrechungen auf die drei Kriege mit den Samnitern im Süden Italiens und speziell in Kampanien. Am Ende des dritten samnitischen Krieges gewinnen die Römer, trotz einiger harter Rückschläge wie den demütigenden sogenannten “Forche Caudine” im Jahr 321 v. Chr, den Widerstand und werden durch den Bau der Via Appia und der Einführung der Civitas sine suffragio (Bürgerschaft ohne Stimmrecht) in den eroberten Städten Capua, Cumae und Acerra sowie durch die Alleanz mit Neapel erstmals Einfluss auf die regionale Kultur ausüben. Nur 15 Jahre später versuchen die Samniter sich nochmal im Pirrus-Krieg bei Maleventum (nach dem Krieg von Rom in Beneventum umgetauft) erfolglos von der römischen Dominanz zu befreien.
Kolonien, Unterdrückung und der zweite punische Krieg
Die Entstehung von römischen Kolonien in Cales (334), Suessa (313), Sinuessa (296), Paestum (273) und Beneventum (268) sowie darauf folgende in Salernum, Volturnum, Liternum und Puteoli (194) führen zu einer großen Beschleunigung der romanisierung der lokalen Kultur. Außerdem kolonialisiert Rom Picentia (Pontecagnano) und das Gebiet zwischen Eburum (Eboli) und Salernum mit dem ribellischen Volk der Picener im Jahre 268 v. Chr. Die anfängliche römische Besatzung ist sehr unterdrückend und fast alle besetzten Siedlungen entscheiden sich dafür im zweiten punischen Krieg im Jahr 216 v. Chr. gegen Rom zu kämpfen. Selbst das sicher geglaubte Verbündete Capua zieht gegen Rom in den Krieg und wird nach der erneuten Niederlage 5 Jahre später mit der Konfiszierung des eigenen Territoriums hart bestraft.
Die Anbindung an den römischen Handelsraum durch die Via Appia und die Via Popilia
Ab dem zweiten punischen Krieg folgt eine stabile, kriegsarme und kontinuirliche Entwicklung des kampanischen Territiums, auch wenn Rom noch starken Druck ausübt und manchmal ganze Territorien eingenommen werden. Die Anlegung der Via Appia zwischen Rom und Capua im Jahre 312 v. Chr., später noch über Beneventum und Venosa bis Brindisi führend, sowie der Via Popilia (zuvor Capua Rhegium) aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus, integriert Kampanien komplett in das weite Straßennetzwerk und somit den Handelsraum des gesamten römischen Imperiums. Die kampanische Urbanisierung der bereits existierenden Städte folgt der typischen wirtschaftlichen, sozialen und architektonischen Stadtentwicklung des 2. Jahrhunderts v. Chr., während neue römische Kolonien wie Pozzuoli, Salerno, Volturno und Literno gegründet werden.
Der Golf von Pozzuoli, vorher Golf von Cumae genannt
Entsumpfung und Wasserzisternen
Das Gebiet im Norden Kampaniens und am Golf von Neapel wird neu organisiert indem Gebiete entsumpft werden und andere durch Zisternen und hydraulischen Infrastrukturen ständig mit Wasser versorgt werden. Durch typisch römische Limitationen (Vermessungen) werden einige Agrarflächen nun an Kriesveteranen oder reiche römische Bürger verteilt, die an die Hauptstraßen wie die Via Appia und Via Latina gebunden sind um ein effizientes Handelsnetz mit den Häfen zu schaffen.
Die Landwirtschaft als Entwicklungsstrategie
Die Nutzung der Landwirtschaft wird durch ein System von sowohl residenzialer als auch rustikalen Villen vorangetrieben, die sich auf die Produktion konzentrieren, nicht selten aber auch repräsentative Räume vorzeigen können. Nicht ohne Zufall untertreicht Cato auch literarisch durch sein “De agricoltura” die legendäre Fruchtbarkeit der Gegend um den Golf von Neapel und gibt uns auch viele Hinweise über die Produktivität des Handwerks dieser Gegend: Cales und Minturno sind berühmt für die Qualität der Eiseninstrumente, Capua und Nola für die Amphoren und Metallvasen, Sessa Aurunca für Körbe und Wagen. Weiterhin die Olivenpressen von Pompeji, Nola und Rufrae, die Seile Capuas, sowie Venafro für die Ziegel, Seile für Weinpressen und Schaufeln. Die Keramik Neapels des Types “Campana A” gilt als die beliebteste des westlichen Mittelmeerraumes und die Häfen der um 194. v. Chr gegründeten neuen Hafenstädte von Pozzuoli und Salerno wachsen von Jahr zu Jahr. Viel Interesse hat auch der, im Vergleich zu den anderen Regionen Italiens, frühreife (bereits im 2. Jahrhundert v. Chr) Isis-Kult und der Einfluss der ägyptischen Kultur erweckt. Es ist wahrscheinlich, das die Häfen Kampaniens also bereits in jenem Jahrhundert eine wichtige Rolle für Rom gespielt haben, auch weil der Hafen von Ostia erst 2 Jahrhunderte später erbaut wurde. Somit wird das 2. Jahrhundert v. Chr. die Zeit der Gründung vieler Landwirtschafts und Produktionsvillen in Kampanien, dessen Produkte immer beliebter und geschätzter werden und sich mit einer hervorragender Infrastruktur für den Import und Export bedienen können.
Aufstände und Stimmrecht
Die kampanischen Städte haben bis dahin kein römisches Stimmrecht und werden den römischen Bürgern untergeordnet. Zwei große Aufstände der kampanischen Bevölkerung finden mit dem sozialen Krieg in den Jahren 90-89, sowie dem Zivilkrieg in den Jahren 83-82 v. Chr statt. Beide werden gegen das bereits übermächtige gewordene römische Imperium unter Cornelius Sulla verloren, dennoch werden den Verlierern dieses Mal Rechte zugesprochen, indem viele nun als offizielle römische Kolonialstädte akzeptiert werden und somit zum ersten Mal die lokalen Institutionen nach römischem Vorbild wählen dürfen. Der ethnische Ursprung der Städte Kampaniens kriegt in dieser Zeit einen starken römischen Impuls und die lateinische Sprache wird immer wichtiger. Unter Sulla werden weitere römische Veteranenkolonnien in die Städte Nola, Abella (Avella), Abellinum (Avellino), Capua, Pompeji und Puteoli (Pozzuoli) gesiedelt.
Augustus von Prima Porta (20-17 v. Chr.), aus der Villa Livia
Die Campania Felix und Augustus
Die komplette Eingliederung in das römische Imperium, in Form der Kulte, Kultur und der lateinischen Sprache, findet schließlich während der Jahrtausendwende unter Augustus statt, der Kampanien zusammen mit dem Latium in seiner Reform zur Regio I und somit zur wichtigsten Provinz des Imperiums aufwertet. In dieser Zeit werden in Kampanien grandiose öffentliche Bauten finanziert, wie zum Beispiel die Küstenstraße Richtung Norden “Via Domitiana”, die “Via Traiana” als neue Verbindung zwischen Beneventum und Apulien, oder auch das kampanische Aquädukt, das in der Piscina Mirabilis nahe dem wichtigen Militärhafen am Kap Misenum endet und über zwei Rahmen eine Länge von über 160 Kilometer aufweist und teilweise unterirdisch verläuft (wie heute noch im unterirdischen Neapel zu sehen ist). Somit werden die Städte Kampaniens ständig mit frischem Trinkwasser versorgt, sind an die wichtigsten Straßen angebunden, haben eine priviligierte und sichere Position für den Handel durch ihre Häfen sowie ein besonders mildes Wetter und fruchtbare Böden für die Landwirtschaft. Es ist die Zeit der Campania Felix, in der die Region Kampanien und speziell das Gebiet um Pozzuoli, Neapel und Baia das Luxusgebiet des römischen Imperium wird und die Städte stark aufgewertet und modernisiert werden.
Capua
Das ehemals etruskisch und dann samnitische Capua wird im zweiten punischen Krieg berühmt, als Hannibal hier überwintert und seine Armee sich dem Genuß der Stadt widmet anstatt gegen das in dem Moment fast wehrlose Rom zu ziehen und den Krieg sieghaft zu beenden. Nach einer harten Strafe wächst Capua (das heutige Santa Maria Capua Vetere) in kurzer Zeit zu einer beeindruckenden Stadt an. Cicero ernennt es im 1. Jahrhundert v. Chr. das “Altera Roma”, also ein zweites Rom und vergleicht es mit Karthago und Korinth, während Ausonius es unter die zehn wichtigsten Städte des Imperiums aufführt. Der Name der Region Kampaniens stammt nach einigen Historikern vom Namen Capua: das Gebiet um Capua, “capuano” und schließlich “campano”. In Capua liegt heute noch das nach dem Kolosseum größte Amphitheater des römischen Imperiums, Reste eines Hadrian-Triumphbogens, Reste der Hauptzisterne des lokalen Aquädukts, dem größten Criptoportikus der Region (heute leider nicht zu sehen wie viele antike Reste unter der Stadt), die Votivgaben des italischen Kultes der “Mater Matutae” (im Museum von Capua zu besichtigen) sowie eine unterirdische Kultstätte, die dem ägyptischen Gott Mitra gewidmet wurde. In der Geschichte wird Capua nochmal durch den Aufstand der Gladiatoren und Sklaven unter Spartakus bekannt, der von Rom unterschätzt wird und die Hauptstadt lange Sorgen bereiten wird. Heute kann man besonders in dieser Gegend die Wiederverwendung von antiken Materialien und Säulen in den Kirchen und den Wohnhäusern betrachten.
Der sogenannte Tempel des Serapis von Pozzuoli, urspruenglich Marktplatz unweit des Hafens
Pozzuoli
Pozzuoli wird der Haupthandelshafen des römischen Imperiums für das Getreide aus Alexandria, Waren aus dem Orient, Griechenland und Spanien sowie Standpunkt vieler Otiumsvillen der römischen Oberschicht. Die Stadt wird mit wichtigen Monumenten wie dem Amphitheater Flavio (dem drittgrößten des Imperiums), dem Macellum (Marktplatz), einem geschützten Hafen mit einer etwa 300 Meter langen Anlegestelle, dem Stadium von Antonino Pio, dem kleinen und grossen Amphitheater, dem Augustus-Tempel, einem großen Stadtzentrum sowie einer beeindruckenden Zahl von Thermen und Zisternen bedacht.
Neapel
Neapel erreicht sehr früh um 326 v.Chr. einen Friedenspakt (Foedus Neapolitanum) mit Rom und kriegt daher vorteilhafte Bedingungen in den darauffolgenden Jahrhunderten zugestanden. Auch im zweiten punischen Krieg unter Hannibal bleibt Neapel ihrer Verbündung mit Rom treu und wird daraufhin Municipium Romanum nach der Lex Iulia. Erst beim Zivilkrieg kämpft Neapel für Mario und gegen Cornelius Sulla. Die Folge ist wohl eine Abwertung des neapolitanischen Hafens zu Gunsten von Pozzuoli, auch wenn Neapel sich speziell in diesem Jahrhundert wie weitere Städte der Region trotzdem prächtig weiterentwickeln wird. Die griechische kulturelle Autonomie bleibt daher in Neapel besonders stark und weiterhin kommen Künstler und Rektoren aus Griechenland nach Neapel, so daß Nero selbst noch im 1. Jahrhundert n. Christus im Theater von Neapolis vor dem lokalen Pubblikum auf griechisch singt um sich für seinen Gastauftritt in Griechenland vorzubereiten.
Neapel Unterirdisch mit einer Wasserzisterne
Heute sind in Neapel neben den Fundstücken im archäologischen Museum noch Reste von drei immensen Thermen (Im Kloster von Santa Chiara, an der Piazza Municipio und der Carminiello ai Mannesi unweit vom Dom), die eine beachtliche Ausbreitung der Stadt beweisen. Wegen den Arbeiten an der Metrohalte “Municipio” wird momentan auch der antike Hafen ausgegraben, der in die neue Haltestelle integriert werden soll und somit auch als Museum fungieren soll. Neapel und speziell das Viertel Posillipo wird durch den Erhalt der griechischen Kultur und Dank dem milden Klima auch Treffpunkt der römischen Oberschicht, unter anderem auch der berühmte Geniesser Lukullus, und viele luxuriöse Villen am Meer bestimmen das Bild der traumhaften Küste Neapels, speziell seit mit der Crypta Neapolitana unter Augustus eine direkte Verbindungsstraße durch den Tuffstein nach Pozzuoli und den Phlegräischen Feldern gebaut wird. Den Berichten nach wird in Neapel in der Villa von Brutus Ehefrau wohl auch der Mord an Julius Caesar geplant. Heute ist neben dem unter der heutigen San Lorenzo Kirche gelegene antike Marktplatz und den imposanten Säulen der San Paolo Maggiore Kirche vorallendingen das in Neapel unterirdisch verlaufene Aquädukt beeindruckendt erhalten. Durch den Tuffstein verlaufend und mit hunderten von Zisternen und Schächten belegt, war die antike Wasserversorgung noch bis ins 19. Jahrhundert aktiv und ist bis heute bei Zugängen zum unterirdischen Neapel noch sichtbar.
Benevent, Details des Triumphbogens von Trajan
Benevent
Benevent war eine italische Stadt (Malies), die von den Römern wegen der demütigenden Niederlage gegen die Samniter in dieser Gegend in Maleventum getauft wurde. Erst als die Römer den Pirrus-Krieg hier im Jahr 275 v. Chr. entscheidend für sich entscheiden, wird die Stadt in Beneventum umgetauft. Benevent wird durch die strategische Position, auf der Via Appia in Richtung Brindisi gelegen und nach Trajan auch Angelpunkt in Richtung Bari durch die Via Traiana, in relativ kurzer Zeit ein wichtiges Handels-, Hirten- und Landwirtschaftszentrum. Wegen der strategischen Position siedelt Rom mehrmals Kolonnien von Veteranen nach Benevent und die Stadt wird im dritten und vierten Jahrhundert nach Capua wohl die zweitgrößte der Region Kampanien. Bis heute ist die Stadt für ihren Hexenkult der “Janare” bekannt (der Ursprung könnte von Gott Janus stammen), der sicher einen antiken Ursprung hat und sich in den Jahrhunderten verändert. Der in Italien sehr bekannte Likör “Strega” (Hexe) wird in Benevent zubereitet und oft für die Herstellung von Süßwaren verwendet (oft als Alternative zum Amaretto). Heute ist uns in Benevent der wohl besterhaltenste Triumphbogen der römischen Geschichte erhalten geblieben, der Triumphbogen des Trajan. Außerdem wurde das antike Theater wiederentdeckt, das Platz für 15000 Zuschauer bot (für ein normales Theater sehr beachtlich) und ist vor allem wegen dem starken Einfluss der ägyptischen Kultur bekannt: im Museum sind 25 Skulpturen des Isis-Tempels zu besichtigen, während in der Stadt noch eine Skulptur des Bue Api und ein Obelisk des Isis-Tempels erhalten geblieben sind.
Paestum
Paestum wird von den Luxusliebenden Griechen aus Sibaris in Kalabrien gegründet, wohl auch um einen Hafen am tyrrhenischem Meer zu haben ohne die gesamte südliche Küste Italiens zu umsegeln. Paestum, ursprünglich Posidonia genannt und dem Meeresgott Poseidon gewidmet, überlebt die Zerstörung von Sibaris im Jahre 510 v. Chr. und hat seine Blütezeit wohl in der darauffolgenden Zeit bis zum Jahr 440. v. Chr., da die Jahrzehnte darauf von Kontrasten mit der italischen Bevölkerung der Lukaner geprägt sind, die Paestum schließlich übernehmen werden. Die Wichtgkeit und die lebendige Produktion Paestums bleibt erhalten und schließlich von Rom im Jahr 273. v. Chr. erobert. Berühmt wird Paestum wegen der Herstellung von Parfum und speziell der Herstellung und Nutzung der lokalen Rosen, die von vielen antiken Schriftstellern erwähnt wird. Die römische Struktur Paestums ist größtenteils aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., bei der vorallendingen die Infrastruktur und die Wasserversorgung verbessert wird. Wegen der Treue zu Rom darf Paestum bis ins 1. Jahrhundert nach Christus eigene Münzen herstellen und wird mit einem großzügigem Forum mit Capitolium, einem Gymnasium und einem Amphitheater bedacht.
Paestum, Perspektive durch die Saeulen des sogenannten Poseidontempels
Einzigartig erhalten bleiben die drei großen dorischen Tempel (die sog. Basilica, der Ceres-Tempel und der Neptun-Tempel), die für viele Kunsthistoriker und Archäologischen als absolutes Paradebeispiel der griechischen Architektur in Süditalien gelten. Die Tempel sind Athena und Hera gewidmet, die hier auch noch in der rōmischen Epoche besonders verehrt wird und dessen Tempel als Kultort genutzt werden. Im 20. Jahrhundert werden die Nekropolen ausgegraben, die heute im Nationalmuseum von Paestum neben den Ausgrabungen zu besichtigen sind: neben vielen italischen Gräbern und römischen Dekorationen ist das Grabmahl des “Tauchers”, bei der ein griechisches Grabmahl den Übergang vom Leben zum Tod darstellt, sicher der beeindruckendste Fund.
Baiae
Baia liegt nordwestlich von Pozzuoli und kurz vor Cumae innerhalb der phlegräischen Felder am Zugang zum Hades der Griechen, dem Averner See, und dem Lucrino-See, die von den Römern unter Augustus von einer Orakel-Stätte in einem Militärhafen, dem Portus Iulius, umgewandelt wurde. Erst nach dem epokalen Sieg gegen Sextus Pompeius und der Versandung des Hafens wird der Militärstützpunkt nach Kap Misenum verlegt und Baiae schließlich zum absoluten Luxusort des römischen Imperiums, der von vielen Schriftstellern der Antike als Ort der Sünde beschrieben wird. Selbst Julius Caeser hat im ersten Jahrhundert v. Chr. hier eine immense Otiumsvilla bauen lassen (heute unter dem aragonesischen Schloß des Museums der phlegräischen Felder) und Horaz umschreibt Baiae mit den Worten das “Kein Ort der Welt glänzender als der Golf von Baiae schimmere”. Die Anzahl der Thermalanlagen, vermischt mit den natürlichen Seen, dem heissen Thermalwasser der phlegräischen Felder und einer großen Anzahl von Luxusvillen verlocken viele Senatoren und Imperatoren wie Nero oder Claudio in diese blühende Stadt. Interessanterweise hat der lokale starke Bradisismus (der Senkung oder Erhöhung der Erdplatte) Teile des antiken Baias und den Portus Iulius versenken lassen, so daß sie im Mittelalter oder während des Baubooms des 20. Jahrhunderts nicht verändert oder zerstört werden konnten.
Der Averna See heute
Heute kann man Reste des antiken Baias im archäologischen Museum der phlegräischen Felder besichtigen oder als Taucher oder mit einem Boot mit Glasboden (bei ruhigem Meer) das versunkene Baiae unter dem Wasser erkundigen. Weitere Reste sind die restlichen Thermalanlagen am Averner See und den immensen Thermen von Baiae gegenüber dem heutigen Hafen.
Velia
Velia (Elea bei den Griechen) wird um 540 v. Chr von den Fokäern auf dem Grund einer vorher lokalen oenotrischen Siedlung gegründet und hier entwickelt sich durch den Äskulap-Kult sehr frühzeitig eine medizinische Wissenschaft. Unter Parmenides und Zenon wird die eleatische Philosophieschule gegründet, die von Velia aus einen großen Beitrag zur westeuropäischen Kultur beitragen wird. Auch der Handel blüht in der antiken Hafenstadt des Cilento und eigene Münzen werden produziert. Unter Rom ist Velia wegen dem hohen Lebensstandard und dem milden Klima bekannt, auch weil der versandende Hafen und damit der Handel durch den Bau der Via Popilia im Jahr 132. v. Chr nach Rhegium (Reggio Calabria) an Bedeutung verliert. Persönlichkeiten wie Cicero, Horaz oder Paulus Emilius verbringen hier mehrere Monate um sich zu erholen, während Brutus nach dem Mord an Julius Caeser nach Velia flüchtet. Die philosophisch-medizinische Wissenschaft wird weitergeführt und es ist nicht unwahrscheinlich daß der Untergang Velias durch die ständigen Angriffe der sarazenischen Piraten durch die Flucht der Mediziner auch der Anfang der medizinischen Hochschule von Salerno bedeutet, der ersten medizinischen Fakultät der Welt, die sicher schon im frühen Mittelalter aktiv und bisher ungewissen Ursprung hat. Die archäologischen Reste haben sich überraschend gut erhalten und heute sind die Porta Rosa, die Porta Marina, die Reste der Medizinschule, das antike Hafengebiet, die hellenistischen und die römischen Thermen, die Agorà, die Akropolis mit ihrem Theater, das archaische und das südliche Wohngebiet des antiken Velias zu besichtigen.
Pompeji, der Apollo Tempel
Pompeji
Ohne den Fund Pompejis und der anderen Ausgrabungen am Vesuv wäre viel Wissen über das Leben in einer römischen Stadt ansonsten der Phantasie überlassen gewesen. Pompeji wurde im 7. oder 6. Jahrhundert wohl von der lokalen oskischen Bevölkerung gegründet und von den Etruskern aus Nocera übernommen. Glücklich am Fluß Sarno gelegen, entwickelt sich Pompeji für die Städte des Inlands zu einem strategischen Binnenhafen, der zuerst von den Samnitern und dann den Römern übernommen wird. Unter Rom entwickelt sich Pompeji weiter und wird Teil der beliebten Campania Felix, in der die römische Oberschicht gerne ihre Otiumsvillen bauen, dennoch hat Pompeji keine strategische Wichtigkeit im Vergleich zu Capua, Neapelis und besonders Puteolis (Pozzuoli). Man kann sich heute jedoch kein klares Bild über Rom machen, wenn man nicht auch Pompeji gesehen hat, da die letzten Jahrhunderte auch stark von der römischen Architektur, Kunst, Mode und den Bräuchen geprägt war. Diese Details sind heute in Rom kaum sichtbar, doch durch den Ausbruchs des Vesuvs untergegangenen und wiederentdecktem Pompeji heute einzigartig erhalten. Vor dem Fund Pompejis und Herkulaneums war das römische Privathaus nur durch die Beschreibungs Vitruvs und anderer Schriftsteller vorstellbar, während sie hier in verschiedenen Formen vorzufinden sind. Eine Auflistung der Sehenswürdigkeiten würde jeglichen Raum sprengen und eine begleitete Besichtigung der Ausgrabungen ist für jeden Liebhaber der Kultur der Antike zu empfehlen.
Mosaike aus Herkulaneum, Sommertriclinium des Haus des Skeletts
Herkulaneum
Der Legende nach durch Herkules bei seiner Rückkehr aus Spanien gegründet, war Herkulaneum wohl eine Siedlung der einheimischen Osker aus dem 7. Jahrhundert v. Chr um wie Pompeji schließlich griechisch-etruskisch, samnitisch und dann römisch zu werden. Anders als Pompeji wurde Herkulaneum nicht von der heissen Asche und den Bimssteinen verbrannt, da es im Westen des Vesuvs gelegen war. Herkulaneum geht in kürzerster Zeit durch einen pyroklastischen Strom von vulkanischem Schlamm unter und ist somit erheblich besser erhalten geblieben. Herkulaneum war dabei eine vornehmere und kleinere Residenzstadt für wohlhabende Bürger, in der der Handel weniger wichtig war und besonders die Ruhe und das angenehme Klima genossen wurde, denn Herkulaneum lag direkt am Meer. Eine geführte Besichtigung Herkulaneums und der vielen besonders gut erhaltenen Reste ist sehr zu empfehlen, selbst wenn man schon in Pompeji gewesen ist.
Oplontis
Vom antiken Oplontis haben wir heute wenig Notizen. Auf der Tabula Peutingerana wird sie als Stadt mit dem Zeichen eines Kurorts markiert, die unweit von Pompeji gelegen haben mußte. Das antike Oplontis liegt somit wohl weiterhin unter der aktuellen Stadt Torre Annunziata, während ein erheblicher Teil der Villa Poppea, der beeindruckenden Otiumsvilla der pompejanischen zweiten Ehefrau von Kaiser Nero, Poppea Sabina, zu besichtigen ist. Die Ausgrabungen von Oplontis kennen somit nur wenige Kampanienreisende, eine Führung ist aber durch den Prunk der imperialen Villa Poppea eine hervorragende Abrundung zum Thema Luxus am Golf von Neapel in der römischen Kaiserzeit.
Wandfresko im zweiten Stil aus Boscoreale, heute im archaeologischen Museum von Neapel
Stabiae – Boscoreale – Sorrentum – Liternum
Liternum ist eine der ältesten römischen Kolonien in Kampanien und wurde als Wohnort von Scipio Africanus gewählt, der hier auch begraben wird. Heute ist in dem Gebiet um Licola allerdings nur ein Teil des Forums ausgegraben. Die Reste des antiken Sorrentum sind in der aktuellen Stadt Sorrento integriert und in der Ausrichtung der römisch gegliederten Altstadt wiederzuerkennen. Eine Besonderheit sind auch die Reste der Otiumsvillen an der sorrentinischen Küste, unter anderem die für Bäder genutzte Villa des Pollio Felice oder auch die Villa di Pipiano. Stabiae und das heutige Boscoreale waren Villengebiete des Ager Pompejanus: im heutigen Castellammare di Stabia sind davon momentan nur zwei Villen, die Villa San Marco und die Villa Arianna, zu besichtigen während in Boscoreale viele der Fundstücke der ausgegrabenen antiken Vorortvillen Anfang des 20. Jahrhunderts an internationale Museen wie das Louvre oder das Metropolitan verkauft wurden. Momentan ist hier leider nur die Villa Regina neben dem Antiquarium von Boscoreale zu besichtigen, die einen Eindruck in das Leben einer Villa Rusticae, also einer Villa die sich auf die Verwertung von gastronomischen Produkten konzentrieren, geben sollen.
Die Tomate aus Sorrent nimmt eine bedeutende Stellung unter den typischen Erzeugnissen der sorrentiner Halbinsel ein. Sie wird heutzutage nur noch in geringen Mengen zwischen Juni und September geerntet und auf den Hügeln von Vico Equense, Piano di Sorrento und Sant’Agnello angebaut. Auf dem gesamten neapolitanischen Gebiet genießt sie einen hervorragenden gastronomischen Ruf aufgrund ihres süßen und delikaten Geschmacks, der gegenüber den gewöhnlichen, in Gewächshäusern gezüchteten und undifferenzierten Tomatensorten ganz anders ist: es handelt sich dabei um eine klassische Salattomate, dieeine runde und gerippte Form hat. Ihr Fruchtfleisch ist vollsaftig und kompakt und hat eine grünliche, ins rosa tendierende Farbe.
Relativ junger Ursprung
Über den Ursprung der Tomate aus Sorren gibt es keine zweifelsfreien Aufzeichnungen. Der Anbau soll Anfang des Jahrhunderts begonnen haben, als einige Sorrentiner Reeder, die auf den Hügeln wohnten, wo diese Tomaten noch heute gepflanzt werden, den Tomatensamen mitgebracht haben sollen. Sie führten außerdem exotische Zierpflanzen aus Amerika ein, auf die man heute noch immer treffen kann.
Eine lokale Delikatesse mit der Tomate aus Sorrent: der Caprese-Salat
Zubereitung der Sorrento-Tomate
Die Tomate aus Sorrent wird für frische Sommersalate genutzt, besonders typisch ist die Verbindung mit Mozzarella, Basilikum und Olivenöl bei dem Caprese Salat. Allgemein als Spezialität der mediterranen Diät anerkannt, kann man mit ihrem fleischigen und süßen Geschmack aber auch weitere Salate verfeinern, sie für Bruschetta und kalte Nudelgerichte nutzen oder einen frischen Tomatensalat mit gutem Balsamico-Essig, Olivenöl und Oregano zubereiten.
Auf Anfrage von Tacitus erzählt Plinius der Jüngere auch seine persönlichen Erfahrungen vom Ausbruch des Vesuvs. Plinius gibt seiner Berichterstattung mit großer Bescheidenheit keinen besonderen Wert, aus heutiger Sicht ist der zweite Brief aber kaum weniger spannend als der erste, denn das Kap Misenum liegt auf etwa 30 Kilometer Entfernung vom Vesuv und der Bericht klärt uns somit über die Auswirkungen des Ausbruchs auf weiterer Entfernung auf.
Hinzu kommt, daß Kap Misenum entgegen der Windrichtung gelegen war und somit die Gegend im Inland und im Süden des Vesuvs weiteraus stärker betroffen gewesen sein mußte als der relativ sicher gelegene Militärhafen im Nordwesten von Pozzuoli. Ein beeindruckender Bericht über erlebte Furcht, Erdbeben, einbrechende Nächte, Ascheregen und rollende Wagen vom nordwestlichen Ende des Golfs von Neapel.
EPISTULAE VI, 20
„C. Plinius grüsst seinen Tacitus
Du schreibst mir, der Brief, in welchem ich Dir auf Deinen Wunsch vom Tod meines Onkels berichtet habe, wecke in Dir das Verlangen zu erfahren, welche Ängste, welche Gefahren ich, in Misenum zurückgeblieben, ausgestanden habe; denn als ich darauf zu sprechen kam, habe ich abgebrochen. Sei’s denn, wie sehr auch die Erinnerung mir die Seele schaudernd mag empören!
Als mein Onkel fort war, verwendete ich den Rest des Tages auf meine Studien (weswegen ich ja daheimgeblieben war); dann Bad, Abendessen, kurzer, unruhiger Schlaf. Vorangegangen waren mehrere Tage lang nicht eben beruhigende Erdstösse – Kampanien ist ja daran gewöhnt –; in jener Nacht wurden sie aber so stark, dass man glauben musste, alles bewege sich nicht nur, sondern stehe auf dem Kopfe. Meine Mutter stürzte in mein Schlafzimmer, ich wollte gerade aufstehen, um sie zu wecken, falls sie schliefe. Wir setzten uns auf den Vorplatz des Hauses, der in mässigem Abstand das Meer von den Gebäuden trennte.
Ich weiss nicht, ob ich es Gleichmut oder Unüberlegtheit nennen soll (ich war ja erst 18 Jahre alt); ich lasse mir ein Buch des Titus Livius bringen, lese, als hätte ich nichts Besseres zu tun, exzerpiere auch, wie ich begonnen hatte. Da kommt ein Freund meines Onkels, der kürzlich bei ihm aus Spanien eingetroffen war, und als er mich und meine Mutter dasitzen sieht, mich sogar lesend, schilt er ihre Gleichgültigkeit, meine Unbekümmertheit; trotzdem blieb ich bei meinem Buche.
Es war bereits um die erste Stunde, und der Tag kam zögernd, sozusagen schläfrig herauf. Die umliegenden Gebäude waren schon stark in Mitleidenschaft gezogen, und obwohl wir uns auf freiem, allerdings beengtem Raum befanden, hatten wir eine starke und begründete Furcht, dass sie einstürzen könnten.
Jetzt schien es uns ratsam, die Stadt zu verlassen. Eine verstörte Menschenmenge schliesst sich uns an, lässt sich – was bei einer Panik beinahe wie Klugheit aussieht – lieber von fremder statt von der eigenen Einsicht leiten und stösst und drängt uns in endlosem Zuge mit sich fort.
Als wir die Häuser hinter uns hatten, blieben wir stehen. Da sahen wir allerlei Sonderbares, Beklemmendes geschehen. Die Wagen, die wir hatten herausbringen lassen, rollten hin und her, obwohl sie auf ganz ebenem Terrain standen, und blieben nicht einmal auf demselben Fleck, wenn wir Steine unterlegten. Ausserdem sahen wir, wie das Meer sich in sich selbst zurückzog und durch die Erdstösse gleichsam zurückgedrängt wurde. Jedenfalls war der Strand vorgerückt und hielt zahllose Seetiere auf dem trockenen Sande fest. Auf der anderen Seite eine schaurige, schwarze Wolke, kreuz und quer von feurigen Schlangenlinien durchzuckt, die sich in lange Flammengarben spalteten, Blitzen ähnlich, nur grösser. Da drängte wieder der Freund aus Spanien heftiger und dringender: „Wenn dein Bruder, dein Onkel noch lebt, möchte er auch euch lebend wiedersehen; ist er tot, war es gewiss sein Wunsch, dass ihr am Leben bliebet. Was säumt ihr also, euch zu retten?“´ Wir erwiderten, wir könnten es nicht über uns gewinnen, an uns zu denken, solange wir über sein Schicksal im ungewissen seien. Er liess sich nicht länger halten, stürzte davon und entzog sich im gestreckten Lauf der Gefahr.
Schauderndes Bild: Ascheregen und einkehrende Dunkelheit am Tage
Nicht lange danach senkte sich jene Wolke auf die Erde, bedeckte das Meer, hatte bereits Capri eingehüllt und unsichtbar gemacht, hatte das Kap Misenum unseren Blicken entzogen. Da bat und drängte meine Mutter, befahl mir schliesslich, mich irgendwie in Sicherheit zu bringen; ich als junger Mann könne es noch, sie, alt und gebrechlich, werde ruhig sterben, wenn sie nur nicht meinen Tod verschuldet habe. Ich dagegen: ich wolle nur mit ihr zusammen am Leben bleiben; damit fasste ich sie bei der Hand und nötigte sie, ihre Schritte zu beschleunigen. Widerstrebend fügte sie sich und machte sich Vorwürfe, dass sie mich aufhalte.
Schon regnete es Asche, doch zunächst nur dünn. Ich schaute zurück: Im Rücken drohte dichter Qualm, der uns, sich über den Erdboden ausbreitend, wie ein Giessbach folgte. „Lass uns vom Wege abgehen“, rief ich, „solange wir noch sehen können, sonst kommen wir auf der Strasse unter die Füsse und werden im Dunkeln von der mitziehenden Masse zertreten.“ Kaum hatten wir uns gesetzt, da wurde es Nacht, aber nicht wie bei mondlosem, wolkenverhangenem Himmel, sondern wie in einem geschlossenen Raum, wenn man das Licht gelöscht hat. Man hörte Weiber heulen, Kinder jammern, Männer schreien; die einen riefen nach ihren Eltern, die anderen nach ihren Kindern, wieder andere nach ihren Männern oder Frauen und suchten sie an den Stimmen zu erkennen; die einen beklagten ihr Unglück, andere das der Ihren, manche flehten aus Angst vor dem Tode um den Tod, viele beteten zu den Göttern, andere wieder erklärten, es gebe nirgends noch Götter, die letzte, ewige Nacht sei über die Welt hereingebrochen. Auch fehlte es nicht an Leuten, die mit erfundenen, erlogenen Schreckensnachrichten die wirkliche Gefahr übersteigerten. Einige behaupteten, in Misenum sei dies und das eingestürzt, anderes stehe in Flammen – blinder Lärm, aber sie fanden Glauben.
Dann hellte es sich ein wenig auf, doch es war anscheinend nicht das Tageslicht, sondern ein Vorbote des nahenden Feuers. Aber das Feuer blieb in ziemlicher Entfernung stehen; es wurde wieder dunkel, wieder fiel Asche, dicht und schwer, die wir, fortgesetzt aufstehend, abschüttelten; wir wären sonst verschüttet und durch die Last erdrückt worden. Ich könnte damit prahlen, dass sich mir trotz der furchtbaren Gefahr kein Seufzer, kein verzagtes Wort entrungen hatte, hätte ich nicht – ein schwacher, aber für uns Menschen immerhin ein im Tode wirksamer Trost – fest geglaubt, ich ginge mit allem und alles mit mir zugrunde.
Endlich wurde der Qualm dünner und verflüchtigte sich sozusagen zu Dampf oder Nebel. Bald wurde es richtig Tag, sogar die Sonne kam heraus, doch nur fahl wie bei einer Sonnenfinsternis. Den noch verängstigten Augen erschien alles verwandelt und mit einer hohen Ascheschicht wie mit Schnee überzogen.
Wir kehrten nach Misenum zurück, machten uns notdürftig wieder zurecht und verbrachten eine unruhige Nacht, schwankend zwischen Furcht und Hoffnung. Die Furcht überwog, denn die Erdstösse hielten an, und viele Leute, wie wahnsinnig von schreckenerregenden Prophezeiungen, witzelten über ihr und der anderen Unglück. Wir konnten uns, obwohl wir die Gefahr aus eigener Erfahrung kannten und weiter auf sie gefasst waren, nicht entschliessen wegzugehen, ehe wir nicht Nachricht von meinem Onkel hatten.
Dies alles gehört gewiss nicht in ein Geschichtswerk, und so wirst Du es lesen, ohne Gebrauch davon zu machen; aber Du hast ja danach gefragt und hast es somit Dir selbst zuzuschreiben, wenn es Dir nicht einmal einen Brief zu verdienen scheint.
Anton Tschechow, An die Familie, Neapel, 7. April 1891
„Gestern war ich in Pompeji und habe es besichtigt. Das ist, wie ihr wißt, eine römische Stadt, die im Jahre 79 n. Chr. Geb. von der Lava und Asche des Vesuvs verschüttet wurde. Ich ging durch die Straßen dieser Stadt und sah die Häuser, Tempel, Theater, Plätze…Ich sah sie und staunte über das Vermögen der Römer, Einfachheit mit Bequemlichkeit zu verbinden.
Nach der Besichtigung von Pompeji aß ich in einem Restaurant, danach beschloß ich, den Vesuv zu besteigen. Stark befördert hatte diesen Entschluß der ausgezeichnete Rotwein, den ich getrunken hatte. Bis zum Fusse des Vesuvs mußte man reiten. Aus diesem Grunde fühlte ich mich an einigen Stellen meines vergänglichen Körpers so, als wäre ich in der dritten Abteilung gewesen und dort verprügelt worden. Was für eine Qual, den Vesuv zu besteigen!
Der Vesuv und Torre Annunziata auf einer Postkarte, 1891
Asche Lavaberge, erstarrte Wellen geschmolzener Mineralien, Gesteinsbrocken und aller möglicher Dreck. Man tut einen Schritt vorwärts – und einen halben Schritt zurück, die Fußsohlen tun einem weh, das Atmen wird schwer…Man geht, geht, geht, aber bis zum Gipfel ist es noch weit. Man denkt: solltest du nicht lieber umkehren? Aber umzukehren wäre peinlich, die andern würden einen ja auslachen. Der Aufstieg begann um Zwei ein Halb Uhr und endete um Sechs.
Der Krater des Vesuvs hat einige Sazen im Durchmesser. Ich stand an seinem Rand und sah hinunter wie in eine Tasse. Der Boden, ringsum mit einem Anflug von Schwefel bedeckt, raucht stark. Aus dem Krater quillt weißer, stinkiger Rauch, fliegen Spritzer und glühende Steine, und unter dem Rauch liegt Satan und schnarcht. Ein ziemlich vermischtes Geräusch: man hört die Brandung von Wellen, hört den Himmelsdonner, das Pochen von Eisenbahnschwellen und das Krachen fallender Bretter. Es ist furchterregend, und zugleich möchte man hinunterspringen, direkt in den Schlund. Ich glaube jetzt an die Hölle.“
Anton Pawlowitsch Tschechow war ein russischer Schriftsteller, Novellist und Dramatiker und einer der bedeutendsten Autoren der russischen Literatur.
In diesem Brief beschreibt Tschechow den in jener Zeit noch aktiven Vesuv, der eine sehr irreguläre Aktivität hatte. Eine interessante Zeitaufnahme über die Anstrengungen, die die Besucher auf sich genommen haben um die Faszination des aktiven Vulkans zu erleben und die Auswirkungen auf Tschechow, die in ihm eine Mischung aus Anziehung und Furcht auslösen. Ob nicht auch der intensive lokale Wein teilweise bei seinen Gefühlen mitgewirkt haben könnte?
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