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Neapel und Kampanien in der Literatur

Sartre und die Furcht über ein Mailand am Meer

Wir wollten die Post und ein Hotel suchen. Das Hotel befand sich einem Führer in der Via dei Fiorentini. Aber die Via dei Fiorentini und viele andere kleine Parallelstraßen sind verschwunden: Man hat Mauern eingerissen. An ihrer Stelle sind Baulücken und Bretterzäune übriggeblieben. Das ist der Anfang vom Ende des alten Neapel. Die Faschisten brauchen sicher nicht mehr als zwanzig Jahre, um es in eine quadratische Stadt zu verwandeln, mit Straßen, die sich rechtwinklig schneiden, und mit großen, gesunden, zehnstöckigen Gebäuden. Das hat alles für uns noch aufregender gemacht, denn es ist etwas, was nicht überleben kann. Wenn es noch lange bliebe, wie es ist, würden Cholera und Typhus die Zerstörung übernehmen. In Wirklichkeit wird Mussolini es aber noch viel schneller als die Cholera zerstören. So ist es von zwei Seiten bedroht: von der Epidemie und vom Faschismus. Wir sind sehr froh, es gesehen zu haben: Vielleicht wird bei unserer nächsten Reise fast nichts mehr davon übrig sein, vielleicht ist es dann ein Mailand am Meer…

Da kam eine alte Frau, die ein Kopftuch trug, zu uns und erklärte mir umständlich, sie bäte mich darum, auch für sie ein Telegramm abzufassen, weil sie weder lesen noch schreiben könne. Sie können sich vorstellen, wie das zusammenpaßte: das faschistische, moderne Neapel und diese analphabetische alte Frau in dem prächtigen Palazzo delle Poste.

Jean-Paul Sartre, 1936
Die futuristische Architektur des Palazzo delle Poste in Neapel aus dem Jahr 1936

Jean-Paul Sartre (Geb. Paris 1905, Gest. Paris 1980) war ein französischer Philosoph, Dramatiker, Romancier und Publizist und die bekannteste Figur des europäischen Existentialismus. In Kampanien verbringt Sartre etwas Zeit in Neapel, mit einer großen Vorliebe zu Capri. Der Text ist ein Ausschnitt aus einem Brief an seine Liebhaberin und Schülerin Olga Kosakiewicz aus dem Jahr 1936. Ein interessanter Text über die Stadterneuerung Neapels unter Mussolini in der faschistischen Zeit der 1930er Jahre, in der die Anlegestelle am Hafen der Stazione Marittima, die Messe von Neapel, eine Erweiterung der Stadt in Richtung Vomero und Fuorigrotta sowie eine Erneuerung einiger antiker Viertel, speziell das Gebiet von der heutigen Piazza Municipio bis zur Piazza Carità, voranschreitet. Der Brief von Sartre bezieht sich auf das letztere Gebiet, denn die Via dei Fiorentini befand sich unweit der heutigen Via Diaz im ex Viertel der florentiner Handelslogen und nah der ehemals berühmten Handschuhfertigungen unter der Via Toledo. Aus heutiger Sicht haben sich die damals berechtigten Befürchtungen von Sartre nicht bewahrheiten können, da nur wenige Jahre später der Krieg ausbrach und die starken Stadtmodernisierungen innerhalb Neapels unterbrochen wurden. Sartre unterstreicht den Kontrast der analphabetischen alten neapolitanischen Dame innerhalb des modernen Palazzo delle Poste an der heutigen Piazza Matteotti, ein passendes Bild zum Zeitgeist der 1930er Jahre in Italien. Wer heute durch Neapel läuft, ist weiterhin von der großen Anzahl der Gassen und erhaltenen Viertel überrascht, die Neapel zur größten von der Unesco geschützten Altstadt macht und bis heute die Stadt auf viele Besucher faszinierend und ursprünglich, aber auch chaotisch und eng wirken lässt. Ein weiterer Artikel über die Stadterneuerung Neapels zur Zeit Mussolinis und der Idee des Futurismus von Reim Cervone findet ihr ebenfalls in meinem Blog.

Weitere Berichte und Zitate über Neapel und die Region findet ihr in meinem Blog.

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Fucini und seine Liebe zu Neapel

Genieße, o mein Neapel, genieße immer wieder, denn deine Schönheit ist wahrlich nicht zu beschreiben. Wie oft habe ich beim Studium deiner blutigen Geschichte die gierigen Schatten der vielen verflucht, die ihr Leben riskierten und verloren, um dich zu besitzen; doch jetzt, aus der Höhe dieses glutheißen Felsens, verzeihe ich ihnen und beweine sie. Genieße, genieße in deinem Bett aus Algen und Feuer, o wunderschöner Salamander. Cuma, Baia und Misenum fielen unter dem Donner des Solfatara und den Erschütterungen des furchterregenden Typheus, doch ihre Schönheit kam deiner nicht gleich. Zwar starben das rosarote Pompeji und das braune Herkulaneum unter der Wut deines Vesuv, doch dieser Vesuv sieht dich an und seufzt; auch er muß dich lieben, du bist allzu schön.

Renato Fucini, 1877
Erstes Prosa-Werk Fucinis: Napoli a occhio nudo

Renato Fucini (1843-1921) war ein italienischer Dichter und Schriftsteller, der vor allem seine Heimatsregion Toskana beschrieben hat. Im Jahr 1877 debuttiert er mit einer Prosa über Neapel und die Umgebung mit dem Namen “Neapel mit nackten Augen: Briefe an einen Freund”. Dieser Ausschnitt scheint eine italienische Version eines Grand-Tour-Reisenden, der sich in die Sicht vom Vesuv auf den Golf von Neapel verliebt und seine Gefühle zu Neapel in einen Text ausdrückt, die fast einem Gedicht gleichen.

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Sprovieri und Gorki über Capri

Beim Hinausgehen sprachen wir über dies und jenes. Ich fragte ihn (Maxim Gorki), in welchem Verhältnis er zu Lenin stünde.

Meine Beziehung zu Vladimir Ulianov sind uralt, sagte er zu mir, sie gehen noch auf den antizaristischen Kampf zurück. Und lächelnd fügte er hinzu: Beide waren wir Futuristen! – Womit er meinte, daß sie beide für die Zukunft Rußlands gekämpft hatten.

Doch auf Capri hätte ihn Lenin böse getadelt. Wie denn, fragte ich. Er hat zu mir gesagt: Capri macht alles vergessen!

Wenn ich eines Tages die Insel verlassen werde, um nach Rußland zurückzukehren, dann sicher wegen dieses Satzes von Vladimir Ulianov und dem schlechten Gewissen, daß er mir eingeimpft hatte.

Giuseppe Sprovieri, 1906
Maxim Gorki, heute auf Capri begraben

Giuseppe Sprovieri war ein italienischer Futurist, der durch seine Galleria Futurista in Rom zu Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt wurde und in Kontakt mit den vielen wichtigen Persönlichkeiten der Zeit stand. Der letztendlich doch in Capri verstorbene Maxim Gorki vertraut Sprovieri in einem Gespräch sein ihm von Lenin eingeredete schlechte Gewissen ein, da laut Lenin der Einfluß der Insel Capri wohl den Geist oder die Seele zu verführen scheint und somit die politischen Ziele in den Hintergrund gestellt werden.

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Alexander Herzen, Rom und Neapel im Vergleich

Welch schroffer Gegensatz, welch markante Antithese zwischen Rom und Neapel; sie gleichen einander sowenig wie eine strenge und würdevolle Matrone einer aufdringlichen und leichtfertigen Hetäre, wie das Rom der Punischen Kriege dem Rom von Tiberius und Nero, das eine Vorliebe für den neapolitanischen Himmel hatte. Rom mahnt an die Unbeständigkeit der Dinge, an Vergangenheit und Tod, an das ewige Memento Mori; Neapel dagegen atmet die berauschende Verzauberung der Gegenwart, das Leben, das Carpe diem. Rom ist der Vergangenheit treu wie eine Witwe. Es kann sich vom Friedhof nicht lösen, das Verlorene nicht vergessen, seine Ruinen sind ihm wichtiger als der Quirinal. Neapel frönt dem Genuss, der Gegenwart, es ist vom Dämon befallen und tanzt auf Herkulaneum, das letztlich nichts ist als ein Sarg. Der rauchende Vesuv mahnt, das Leben auszukosten, solange es gegeben ist.

Alexander Iwanowitsch Herzen, 1848
Neapel, Stadt am Meer und am Vulkan Vesuv

Alexander Iwanowitsch Herzen (geb. 1812 in Moskau, gest. 1870 in Paris) war ein russischer Philosoph, Schriftsteller und Publizist. Herzen lebte einige Zeit in Nizza und Rom und lernte unter anderem Garibaldi und Mazzini kennen, die intensiv an der Vereinigung Italiens beteiligt waren.

Ein interessanter Text über die Unterschiede von Neapel zu Rom, kurz vor der Vereinigung Italiens. Neapel kommt in jener Zeit auf über sechshunderttausend Einwohner, also mehr als doppelt so viele Menschen die zu jener Zeit in Rom lebten. Die Vergleiche zur Antike, als Rom zeitweise von der griechischen Kultur des Golfs von Neapel stark beeinflusste und sich dem Leben gönnte, werden auf das 19. Jahrhundert bezogen. Neapel als weiterhin von der Natur und dem Vesuv beeinflusstes Genuss-Gebiet, Rom als traurige Witwe einer verstorbenen Vergangenheit. Nur wenige Jahrzehnte später wird Rom erneut zur Hauptstadt ernannt und einen großen Boom erleben, während Neapel und der Süden in der Vereinigung Italiens eine marginale Rolle einehmen und verarmen wird. Eine interessante Stellungsnahme zum Lebensgefühl zweier sehr unterschiedlicher und faszinierender Städte, die bis heute beide als historische Kulturzentren Italiens gelten.

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Carratelli und die griechische Identität im römischen Neapel

In den letzten Jahren der Republik und in der Kaiserzeit wurde Neapel zur Stadt der Vergnügungen und des Müßiggangs. Ihr griechischer Charakter unterschied sie von allen anderen Städten der ehemaligen Magna Graecia, die zu kleinen Orten provinziellen, eintönigen Lebens herabgesunken waren. Die Nähe zu Rom lockte reiche Müßiggänger in ihre gesegnete Landstriche…Es kam, wer Abstand vom ermüdenden Leben der Hauptstadt suchte sowie Künstler und Gelehrte, die von der griechischen Sprache und den Bräuchen der kampanischen Stadt besonders angezogen waren.

Das griechisch-römische Neapel. Im Hintergrund der Vesuv
Giovanni Pugliese Carratelli, 1956

Giovani Pugliese Carratelli (geb. in Neapel, 1911, verst. in Rom, 2010) war ein italienischer Historiker der römischen Antike. Bei seinem Aufenthalt in Rodi kommt er mit Archäologen wie Halbherr in Kontakt, während er in Neapel mit dem berühmten Philosophen Benedetto Croce kollaboriert. In diesem Text bezieht sich Carratelli auf die stark erhaltende griechische Identität der Stadt Neapels, die nach einigen Berichten auch noch zur Zeit der römischen Kolonialisierung Kampaniens stärker als woanders vertreten sein soll. Einer der wichtigsten Hinweise auf die erhaltene griechische Identität Neapels ist die Wahl von Kaiser Nero sich bei seinem Auftritt in griechischer Sprache im Theater in Neapel auf seine Reise nach Griechenland vorzubereiten, da hier das griechische Publikum als besonders anspruchsvoll galt.

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