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Die Geschichte Kampaniens und Neapels

Plinius der Jüngere: der erste Brief an Tacitus

Plinius der Jüngere wurde wohl im Jahr 62 n. Chr im heutigen Como geboren und nach dem Tod seiner Eltern von seinem Onkel Plinius adoptiert. Auf Anfrage des Historikers Tacitus beschreibt Plinius der Jüngere (62- ca. 113) viele Jahre nach dem Ausbruch in zwei Briefen die Ereignisse des 24. und 25. August (das genaue Datum wird heute stark in Frage gestellt, während das Jahr sicher ist) des Jahres 79 n. Chr.

Der antike Historiker Tacitus

Er hatte den Ausbruch des Vesuvs und der Städte wie Pompeji und Herkulaneum als junger 17 jähriger Mann in Misenum, also auf der gegenüberliegenden Seite des Golfs erlebt, wo sein Onkel, der Naturforscher Gaius Plinius Secundus (Plinius der Ältere), Admiral der römischen Flotte war. Ausserdem konnte er sich auf die Berichte der Überlebenden der römischen Flotte und an die Aufzeichnungen seiner Onkels beziehen.

Es war am frühen Nachmittag, als die Frau des Admirals diesen auf eine dicke Wolke aufmerksam machte, die über dem östlichen Ende der Bucht hing. Dessen Unerschrockenheit im Angesicht der Katastrophe, Ausdruck einer von der Philosophie der Stoa geprägten römischen Tugendhaftigkeit, steht im Mittelpunkt des ersten Briefs.

Plinius’ Bericht ist zugleich die älteste vulkanologische Urkunde; die Präzision seiner Beschreibung ist von der modernen Vulkanologie vielfach bestätigt worden. Bis heute heisst der von ihm beschriebene Typ eines Vulkanausbruchs “plinianische Eruption”.

EPISTULAE VI, 16

“C. Plinius grüsst seinen Tacitus

Du bittest mich, das Ende meines Onkels zu schildern, damit du es recht wahrheitsgetreu für die Nachwelt darstellen kannst. Ich danke dir, denn ich sehe, dass seinem Tode unvergänglicher Ruhm winkt, wenn er von dir verherrlicht wird. Denn wenn er auch bei der Verwüstung der schönsten Landschaften, wie die Bevölkerung und die Städte durch ein denkwürdiges Naturereignis den Tod gefunden hat und schon deshalb sozusagen ewig fortleben wird, wenn er auch selbst viele bleibende Werke geschaffen hat, so wird doch die Unvergänglichkeit deiner Schriften sein Fortleben wesentlich fördern. Ich halte jeden für glücklich, dem die Götter die Fähigkeit verliehen haben, Darstellungswürdiges zu vollbringen oder Lesenswertes darzustellen, für doppelt glücklich, wem beides gegeben ist. Zu ihnen wird mein Onkel durch seine und deine Schriften gehören. Um so lieber nehme ich auf mich, ja fordere geradezu, was du mir auferlegst.

Er war in Misenum und führte persönlich das Kommando über die Flotte. Am 24. August etwa um die siebente Stunde liess meine Mutter ihm sagen, am Himmel stehe eine Wolke von ungewöhnlicher Gestalt und Grösse. Er hatte sich gesonnt, dann kalt gebadet, hatte liegend einen Imbiss genommen und studierte jetzt. Er liess sich seine Sandalen bringen und stieg auf eine Anhöhe, von der aus man das Naturschauspiel besonders gut beobachten konnte. Es erhob sich eine Wolke, für den Beobachter aus der Ferne unkenntlich, auf welchem Berge (später erfuhr man, dass es der Vesuv war), deren Form am ehesten einer Pinie ähnelte. Denn sie stieg wie ein Riesenstamm in die Höhe und verzweigte sich dann in eine Reihe von Ästen, wohl weil ein kräftiger Luftzug sie emporwirbelte und dann nachliess, so dass sie den Auftrieb verlor oder auch vermöge ihres Eigengewichtes sich in die Breite verflüchtigte, manchmal weiss, dann wieder schmutzig und fleckig, je nachdem ob sie Erde oder Asche mit sich emporgerissen hatte.

Als einem Mann mit wissenschaftlichen Interessen erschien ihm die Sache bedeutsam und wert, aus grösserer Nähe betrachtet zu werden. Er befahl, ein Boot bereitzumachen, mir stellte er es frei, wenn ich wollte, mitzukommen. Ich antwortete, ich wolle lieber bei meiner Arbeit bleiben, und zufällig hatte er mir selbst das Thema gestellt.

Beim Verlassen des Hauses erhielt er ein Briefchen von Rectina, der Frau des Cascus, die sich wegen der drohenden Gefahr ängstigte (ihre Villa lag am Fuss des Vesuv, und nur zu Schiffe konnte man fliehen); sie bat, sie aus der bedenklichen Lage zu befreien. Daraufhin änderte er seinen Entschluss und vollzog nun aus Pflichtbewusstsein, was er aus Wissensdurst begonnen hatte. Er liess Vierdecker zu Wasser bringen, ging selbst an Bord, um nicht nur Rectina, sondern auch vielen anderen zu Hilfe zu kommen, denn die liebliche Küste war dicht besiedelt. Er eilte dorthin, von wo andere flohen, und hielt geradewegs auf die Gefahr zu, so gänzlich unbeschwert von Furcht, dass er alle Phasen, alle Erscheinungsformen des Unheils, wie er sie mit den Augen wahrnahm, seinem Sekretär diktierte.

Die hinterlegte Strecke des Plinius

Schon fiel Asche auf die Schiffe, immer heisser und dichter, je näher sie herankamen, bald auch Bimsstein und schwarze, halbverkohlte, vom Feuer geborstene Steine, schon trat das Meer plötzlich zurück, und das Ufer wurde durch Felsbrocken vom Berge her unpassierbar. Einen Augenblick war er unschlüssig, ob er umkehren solle, dann rief er dem Steuermann, der dazu geraten hatte, zu: ªDem Mutigen hilft das Glück, halt auf Pomponianus zu!´ Dieser befand sich in Stabiae, am anderen Ende des Golfs – das Meer drängt sich hier in sanft gekrümmtem Bogen ins Land-; dort hatte er, obwohl noch keine unmittelbare Gefahr bestand, aber doch sichtbar drohte und, wenn sie wuchs, unmittelbar bevorstand, sein Gepäck auf die Schiffe verladen lassen, entschlossen zu fliehen, wenn der Gegenwind sich legte. Dorthin fuhr jetzt mein Onkel mit dem für ihn günstigen Winde, schloss den Verängstigten in die Arme, tröstete ihn, redete ihm gut zu, und um seine Angst durch seine eigene Ruhe zu beschwichtigen, liess er sich ins Bad tragen. Nach dem Bade ging er zu Tisch, speiste seelenruhig oder – was nicht weniger grossartig ist – anscheinend seelenruhig. Inzwischen leuchteten vom Vesuv her an mehreren Stellen weite Flammenherde und hohe Feuersäulen auf, deren strahlende Helle durch die dunkle Nacht noch gehoben wurde. Um das Grauen der anderen zu beschwichtigen, erklärte mein Onkel, Bauern hätten in der Aufregung ihre Herdfeuer brennen lassen, und nun ständen ihre unbeaufsichtigten Hütten in Flammen. Dann begab er sich zur Ruhe und schlief tatsächlich ganz fest, denn seine wegen seiner Leibesfülle ziemlich tiefen, lauten Atemzüge waren vernehmlich, wenn jemand an seiner Tür vorbeiging. Aber der Boden des Vorplatzes, von dem aus man sein Zimmer betrat, hatte sich, von einem Gemisch aus Asche und Bimsstein bedeckt, schon so weit gehoben, dass man, blieb man noch länger in dem Gemach, nicht mehr hätte herauskommen können. So weckte man ihn denn; er trat heraus und gesellte sich wieder zu Pomponianus und den übrigen, die die Nacht durchwacht hatten. Gemeinschaftlich berieten sie, ob sie im Hause bleiben oder sich ins Freie begeben sollten, denn infolge häufiger, starker Erdstösse wankten die Gebäude und schienen, gleichsam aus ihren Fundamenten gelöst, hin- und herzuschwanken. Im Freien wiederum war das Herabregnen ausgeglühter, allerdings nur leichter Bimsstein-Stückchen bedenklich, doch entschied man sich beim Abwägen der beiden Gefahren für das letztere, und zwar trug bei ihm eine vernünftige Überlegung über die andere den Sieg davon, bei den übrigen eine Befürchtung über die andere. Sie stülpten sich Kissen über den Kopf und verschnürten sie mit Tüchern; das bot Schutz gegen den Steinschlag.

Plinius der ältere

Schon war es anderswo Tag, dort aber Nacht, schwärzer und dichter als alle Nächte sonst, doch milderten die vielen Fackeln und mancherlei Lichter die Finsternis. Man beschloss, an den Strand zu gehen und sich aus der Nähe zu überzeugen, ob das Meer schon gestatte, etwas zu unternehmen. Aber es blieb immer noch rauh und feindlich. Dort legte mein Onkel sich auf eine ausgebreitete Decke, verlangte hin und wieder einen Schluck kalten Wassers und nahm ihn zu sich. Dann jagten Flammen und als ihr Vorbote Schwefelgeruch die andern in die Flucht und schreckten ihn auf. Auf zwei Sklaven gestützt, erhob er sich und brach gleich tot zusammen, vermutlich weil ihm der dichtere Qualm den Atem nahm und den Schlund verschloss, der bei ihm von Natur schwach, eng und häufig entzündet war. Sobald es wieder hell wurde – es war der dritte Tag von dem an gerechnet, den er als letzten erlebt hatte -, fand man seinen Leichnam unberührt und unverletzt, zugedeckt, in den Kleidern, die er zuletzt getragen hatte, in seiner äusseren Erscheinung eher einem Schlafenden als einem Toten ähnlich.

Derweilen hatten ich und meine Mutter in Misenum – doch das ist belanglos für die Geschichte, und Du hast ja auch nur vom Ende meines Onkels hören wollen. Also Schluss! Nur eines will ich noch hinzufügen: ich habe alles, was ich selbst erlebt und was ich gleich nach der Katastrophe – dann kommen die Berichte der Wahrheit noch am nächsten – gehört hatte, aufgezeichnet. Du wirst das Wesentliche herauspicken, denn es ist nicht dasselbe, ob man einen Brief schreibt oder Geschichte, ob man an einen Freund oder für die Allgemeinheit schreibt.

Leb wohl!”

Lesen Sie auch den zweiten Brief von Plinius dem Jüngeren auf meinem Blog.

Weitere Infos finden Sie in meinem Blog zur Geschichte Neapels und Kampaniens

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Neapel und Kampanien in der Literatur

Ferdinand Gregorovius über Freiheit und Dispotismus in Neapel

„Ich stand lange auf der Balestrade oben in San Martino und horchte nach Neapel hinab. Wenn dieses Volk, dachte ich, schon in der alltäglichen Regung seiner Tätigkeit, in der ganz gewöhnlichen Stimmung seiner Lebensempfindungen die Lüfte mit solchem Schall erfüllt, wie erst muss es tosen, wenn es im Schmerz und in der Wut aufschreit, wenn diese hunderttausend Lazzaroni im Strassenkampf lärmen oder nach Beute schreien – wie sie es nach dem 15. Mai 1848 getan haben, da sie scharenweise hinter dem Wagen des Königs Ferdinand herliefen und Plünderungsfreiheit begehrten. Mir ezählten Leute, welche in der Märznacht Berlin aufschreien hörten – es soll gar grausig sich angehört haben, selbst in Berlin, wo es im Verhältnis mehr Geheimräte gibt als Lazzaroni in Neapel.

Doch alles bewegt sich hier fröhlich, friedlich und selbst in der buntesten Unordnung dennoch geordnet. Einzelne wie ganze Klassen, ob sie sich tausendfach durchkreuzen, gehen wie die Ameisen in ihrem Staat in gewohnten Richtungen, auf bekannten Geleisen. Das ungeheure Leben zirkuliert hier wie das Blut; uns scheint dieser Pulsschlag bis zur wahnsinnigen Aufregung fieberhaft, und doch ist er normal und geregelt.

Die Revolution und die moralische Niederlage der jüngsten Jahre ist ganz spurlos an Neapel vorübergegangen. Das Leben hat ihre Erscheinung hinweggeflutet, und kaum wüsste man von ihr, wenn man nicht von Wohlmeinenden gewarnt würde, in Reden vorsichtig zu sein und die Spione zu scheuen, die allerorten umherwandern, und wenn man nicht zufällig einige verwüstete Häuser und Paläste bemerkte, namentlich auf Medina und Monte Oliveto, wo die Kanonen das Castello nuovo schonungslos gefeuert haben. Nun ist es dem Fremden auch unverwehrt, spitzen Hut und spitzen Bart zu tragen, seitdem die französische Gesandtschaft für einen Schimpf Genugtuung velangt hat, der einem französischen Untertan in Neapel widerfuhr. Die Polizei hatte ihn auf der Strasse aufgegiffen und ohne weitere Umstände in eine Barbierstube gebracht, wo ihm von Staats wegen der Spitzbart abrasiert wurde. Neapolitanischen jungen Leuten begegnet es, das sie das Verbrechen eines revolutionären Hutes und Bartes auf irgendeinen Verbannungsort, einer Insel oder einem Kastell, abbüßen, wie ein Staatsgefangener selbst in Pozzuoli mir erzählte…

Und nirgends auf der Welt lässt sich wohl Despotismus leichter ertragen als in Neapel, denn diese unverschöpflichen Schätze der Natur sind nicht zu zerrütten, dieser Boden ist nicht auszusaugen, dieser Himmel macht alle Lebenstätigkeit öffentlich und lässt der Sitte eine fast schrankenlose Freiheit. Die Natur gleicht hier alles aus, sie ist nirgend demokratischer als in Neapel. Wer kann diese Magna Charta der Freiheit je vernichten? Es war mir für das Wesen Neapels folgende Erscheinung immer charakteristisch: um die Mittagszeit liegen im Porticus der glänzendsten Kirche Neapels, des Doms San Francesco di Paola, im Angesicht des königlichen Schlosses, stets hundert und aberhundert Lazzaroni ausgestreckt und schlafen, in unschönen Gruppen, mit zerrissenen Wämsern diese Säulenhalle keineswegs verzierend. Ich dachte, sie betrachtend, an jene Lazzaroni des alten Roms, die wohl auch so in den Säulenhallen des Pompejus und des Augustus Siesta hielten, nur hatten sie Getreidemarken in der Tasche, und diese haben keine. In jeder anderen Residenz Europas würde die Polizei solche Schläfer sicher von den Stufen des Doms und aus dem Angesichte des Schlosses hinweggefegt haben. Hier schlafen sie den ruhigsten Schlaf, und vor ihnen schreiten, wie vor einer selbstverständlichen und ganz natürlichen Erscheinung, die Schildwachen achtlos auf und ab, welche an den beiden Reiterstatuen Karls III. Und Ferdinands I. schildern….

Die Neapolitaner sind stattliche Soldaten, trefflich gekleidet, militärisch gehalten, aber man merkt ihnen an, daß sie nur Soldaten scheinen, daß sie gleichsam ein theatralisches Militär sind.“

Ferdinand Gregorovius

(Um 1850)

Ferdinand Gregorovius (1821-1891) war ein deutscher Philologe und Historiker und bekannt für seine Studien über das Mittelalter in Rom. Seine “Wanderjahre in Italien” beschreiben in 5 Bänden (1856-1877) die verschiedensten Orte Italiens, unter anderem auch Capri und Neapel.

Seine Reisen im reifen Alter durch Neapel folgen nicht dem typischen Schema der Grand Tour, sondern eher einer intellektuellen Auswanderung, die in Italien in den vorherigen Jahrhunderten eher für Künstler typisch war.

Dieser Bericht aus Neapel um 1850 ist eine interessante Zeitaufnahme, 10 Jahre vor dem Einzug Garibaldis und der für Neapel schwierigen Vereinigung Italiens, in dem die Zustände unter dem konservativen borbonischen König Ferdinand II beschrieben werden und laut Gregorovius scheinbar mit der neapolitanischen Theatralik und dem Einfluss der mächtigen Natur zu kontrastieren scheinen. Die Vergleiche zu Rom und die Sensibilität zu den verschiedenen Eigenheiten, unter anderen zeitlichen Voraussetzungen, scheinen auch durch Goethe beeinflusst zu sein.

Bei den Texten Gregorovius überwiegen oft die literarische und kreative Ader im Vergleich zu den puren deutschen Historikern der italienischen Geschichte jener Zeit wie Mommsen oder Leopold von Ranke.

Weitere Berichte und Zitate über Neapel und die Region findet ihr in meinem Blog.

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Gastronomie in Kampanien

Der Asprinio di Aversa

Der Asprinio, eine Weinrebe mysteriösen Ursprungs, die einige gelehrte für verwandt mit dem Pinot und dem Greco halten, gedeiht vornehmlich auf lockeren, ziemlich leichten Böden, die reich an Kalium, Phosphor, Kalzium und Magnesium sind, eben wie die vulkanischen durch die Überschwemmungen des Flusses Volturno angereicherten Böden der Gegend an der Grenze zwischen den Provinzen Neapel und Caserta. Ein Wein, der Dank der Anlage von geschützten Anbaugebieten vor dem Aussterben gerettet wurde und den Monelli als “frisch, sehr matt, säuerlich, keck, Urvater der feinsten Champagnerarten” bezeichnete. Es ist eine der wenigen Weinreben, die dank ihrer Grundeigenschaft, gegen den Reblausbefall immun zu sein, keiner Veredelung mit amerikanischen Reben bedarf.

Der heutige Anbau des Asprinio bei Aversa

Die besondere Anbaumethode

Die Reben des Asprinio werden in Baumreihen von beachtlicher Höhe (bis zu 25 Metern) angelegt, und zwar unter Einbezug der Pappelbäume, die sozusagen als Schutzmänner fungieren, zwischen denen die Pfähle mit soviel Abstand aufgestellt werden, das grosse und schwere Trauben wachsen können. Diese Art des Weinanbaus soll angeblich von der Notwendigkeit stammen, diese Weinreben in der Vergangenheit in Mischkultur mit dem Hanf anzubauen, so das eine niedrigere Rebzucht nicht möglich war. Derzeit konzentrieren sich die kleineren Landwirte aus den Gegenden um Aversa und Giugliano allerdings immer mehr auf den systematischen Weinanbau mit Weinreben die 1,70 Meter nicht übersteigen, um die Ernte möglichst zu vereinfachen und auch mechanisch durchführen zu können.

Der trockenste Weisswein weltweit?

Der Wein, den man aus diesen einzigartigen Reben erhält ist ganz klar und strohfarben mit leichten grünlichen Nuancen. Vom Geschmack her ist er trocken, leicht säuerlich und sehr bekömmlich. Sein Bouquet ist intensiv und charakteristisch, es erinnert an Wiesenblumen und Zitronen. Mario Soldati schreibt darüber: “Es gibt keinen anderen Weisswein auf dieser Welt, der so absolut trocken ist wie der Asprinio: keinen. Denn die berühmtesten trockenen Weissweine schliessen in ihr mehr oder weniger intensives und mehr oder weniger nachhaltiges Bouquet immer eine wenn auch vage süssliche Nuance ein. Der Asprinio nicht. Der Asprinio riecht kaum, und er riecht fast nach Zitrone: aber dafür ist er von einer absoluten, grundlegenden Trockenheit, die man sich nicht vorstellen kann, wenn man ihn nicht probiert… Was für ein grossartiger Wein!”

Ein sommerlicher Durstlöscher

Zur Zeit der Bourbonen war dieser Wein auch als Grundbestandteil für qualitativ hochwertigen Essig geschätzt und er wurde in der Vergangenheit vor allem in der heissen Jahreszeit als Durstlöscher getrunken (auch dank seines Rufs als hervorragendes harntreibendes Mittel). Veronelli sagte: “er ist aufgrund seiner absoluten Leichtigkeit kein Wein, den man zum Essen trinkt, sondern vielmehr ein leichter, bekömmlicher, schwungvoller Wein, der kalt serviert werden muss und den man gut alleine trinken kann.”

Der Asprinio als Aperitiv und als Begleiter zu Fisch und guter Mozzarella

Der besondere säuerliche Geschmack, des es auch möglich macht, das aus dem Asprinio Sekt von hoher Qualität hergestellt wird, macht ihn zu einem aussergewöhnlichen Aperitiv. Nicht zu unterschätzen sind allerdings seine Vorzüge als begleitendes Getränk zu frischem oder gekochtem Fisch, vor allem zu Fischsuppe, oder aber auch zu Gerichten mit frischem Mozzarella di Bufala Campana.

Die Sektherstellung der Aspriniorebe

In der Zwischenzeit sind auch hervorragende Ergebnisse bei der Sektherstellung aus dem Asprinio erzielt worden, und zwar sowohl nach dem Herstellungsverfahren Charmat als auch nach dem Champenois. Es wird so der ausgeprägte und feste Säuregehalt dieser Rebe genutzt, die ausserdem grosse Mengen der intensiv duftenden Apfelsäure enthält: heraus kommt dabei ein Sekt mit einem Alkoholgrad von circa 12% mit langanhaltender Schäumung und einer feinen Perlage. Der Sekt eignet sich nicht nur hervorragend als Aperitiv, sondern ist auch ideal zu allen Fischgerichten.

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Neapel und Kampanien in der Literatur

Walter Benjamin über die Handelslust der Neapolianer

“Von der verspielten Handelslust der Neapolitaner gibt es hübsche Geschichten. Auf einer belebten Piazza entgleitet einer dicken Frau ihr Fächer. Hilflos sieht sie sich um; selbst ihn aufzuheben, ist sie zu unförmig. Ein Kavalier erscheint und ist bereit, für fünfzig Lire diesen Dienst zu leisten. Sie verhandeln, und die Dame erhält den Fächer für zehn.”   Walter Benjamin, 1924

Weihnachtszeit in der Pignasecca, zentraler Markt unweit der Alstadt von Neapel

Benjamin erzählt eine sympathische Anekdote, die er in Neapel auffängt. Die 1920er Jahre in Neapel, über 50 Jahre nach der Vereinigung Italiens, war eine Zeit der grossen Armut und Auswanderung in die Usa. In diesem Kontext tritt die für Neapel typische Überlebenskunst und Handelslust ins Spiel: auf einer Seite der Kavalier, der sofort versucht aus dem Missgeschick der alten Dame Geld einen Verdienst zu schlagen. Auf der anderen Seite die unförmige Dame, die sich nun gezwungenermassen auf einen Handel einlassen muss und es schafft, den Preis von fünfzig auf zehn Lire runterzuhandeln.

Walter Benjamin war ein deutscher Kunstkritiker und Philosoph der Frankfurter Schule. Im Jahr 1924 und 1925 verbringt er im Alter von 32 Jahren zusammen mit Theodor Adorno, Siegfried Kracauer und Alfred Sohn-Rethel mehrere Monate am Golf von Neapel. Der Golf von Neapel und die Amalfiküste waren in jenen Jahren ein beliebtes Reiseziel besonders von deutschen, englischen und russischen Philosophen und Künstlern, die hier Inspiration und Ruhe suchten.

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