Hier hat der Geschmack seine Grundlage in einer blinden, gesetzlosen Idee und keinen klaren Sinn. Sorglos blüht sie vor Freude ohne bei anderen Nationen vorherrschen zu wollen. Auf diese Weise stört dieser Geschmack auch niemanden. Sollten die Ornamente entfernt werden, verbleiben immer noch ausgewogene und gut verarbeitete Häuser ohne vorspringendem Gesims. Wichtige Werke erscheinen hier auch etwas wichtiges. Den Details wird verboten gegen das Werk zu wirken. Wenn man zu Recht auf den Geschmack ihrer Obelisken verzichtet, braucht man trotzdem nicht zornig sein: denn man kann eine Fülle von spassigen Kinder anlächeln.
Im neapolitanischen Charakter erkennt man eine Leichtigkeit; Trockenheit und Schwerfälligkeit werden vom Klima gehemmt. Die Leute spielen glücklich und frei mit den Künsten und da sie keine eigene beherrschen, erreichen sie etwas knalliges; doch wurde dieses nicht in schnörkeliges umgewandelt, sie haben nur schnörkeliges auf die Sache gesetzt. Eine verbesserte Version ihres Geschmacks wäre der einzige, der in Europa zu einem Ideal werden könnte.
Carl August Ehrensvärd, 1786 (aus dem italienischen von mir, Florian Lenk, übersetzt)
Der Palazzo dello Spagnuolo von Sanfelice aus dem 18. Jahrh.
Carl August Graf Ehrensvärd (geboren 1745 in Stockholm; gest. 1800 in Örebro) war ein schwedischer Zeichner, Architekt und Kunsttheoretiker. Im Jahr 1792 wird Ehrensvärd Generaladmiral der schwedischen Marine, tritt aber bereits 1794 von seinem Posten zurück um sich komplett dem Studium der Naturwissenschaften und der Kunst zu widmen. Die von 1780 bis 1782 unternommene Reise durch Italien hat dabei einen großen Einfluß auf sein Interesse für die Kunstgeschichte seit der Antike.
Ehrensvärd spricht über den Ausdruck des Kunstgeschmacks Neapels und verbindet ihn mit dem Charakter der Neapolitaner. Aus heutiger Sicht, mit einer langen Tradition negativer Medienberichte, Vorurteile und sozialen Problemen, ist es interessant zu sehen wie oft die Stadt Neapel noch zu Ende des 18. Jahrhunderts mit einer freudigen Atmosphäre in Verbindung gebracht wurde. Dabei ist auch heute noch, trotz der weiterhin hohen Arbeitslosigkeit, die Stadtatmosphäre weiterhin oft leicht und man kann die Worte Ehrensvärds weiterhin nachvollziehen: Neapel erscheint freudig und kompakt, doch schätzt die Bevölkerung sicherlich auch heute noch die Dekoration und den Schnörkel.
Phantastische Reiseberichte haben die Stadt betuscht. In Wirklichkeit ist sie grau: ein graues Rot oder Ocker, ein graues Weiß. Und ganz grau gegen Himmel und Meer. Nicht zum wenigsten dies benimmt den Bürger die Lust. Denn wer Formen nicht auffasst, bekommt hier wenig zu sehen. Die Stadt ist felsenhaft. Aus der Höhe, wo die Rufe nicht heraufdringen, vom Castell San Martino gesehen, liegt sie in der Abenddämmerung ausgestorben, ins Gestein verwachsen. Nur ein Uferstreifen zieht sich eben, dahinter staffeln die Bauten sich übereinander.
Mietskasernen mit sechs und sieben Stockwerken, auf Untergründen, an denen Treppen herauflaufen, erscheinen gegen die Villen als Wolkenkratzer. In den Felsengrund selbst, wo er das Ufer erreicht, hat man Höhlen geschlagen. Wie auf Eremitenbildern des Trecento zeigt sich hier und da in den Felsen eine Türe. Steht sie offen, so blickt man in große Keller, die Schlafstelle und Warenlager zugleich sind. Weiterhin leiten Stufen zum Meer, in Fischerkneipen, die man in natürlichen Grotten eingerichtet hat. Trübes Licht und dünne Musik dringt abends von dort nach oben.
Kirchen, Palazzi, Fahnen und aufgehängte Wäsche. Die Kulisse der spanischen Viertel
Porös wie dieses Gestein ist die Architektur. Bau und Aktion gehen in Höfe, Arkaden und Treppen ineinander über. In allem wahrt man den Spielraum, der es befähigt, Schauplatz neuer unvorhergesehener Konstellationen zu werden. Man meidet das Definitive, Geprägte. Keine Situation erscheint so, wie sie ist, für immer gedacht, keine Gestalt behauptet ihr “so und nicht anders”. So kommt die Architkektur, dieses bündigste Stück der Gemeinschaftsrhytmik, hier zustande. Zivilisiert, privat und rangiert nur in den großen Hotel- und Speicherbauten der Kais – anarchisch, verschlungen, dörflerisch im Zentrum, in das man vor vierzig Jahren große Straßenzüge erst hineingehauen hat. Und nur in diesen ist das Haus im nordischen Sinn die Zelle der Stadtarchitektur. Dagegen ist es im Innern der Häuserblock, wie er, als sei es mit eisernen Klammern, an seinen Ecken zusammengehalten ist durch die Wandbilder der Madonna.
Niemand orientiert sich an Hausnummern. Läden, Brunnen und Kirchen geben die Anhaltspunkte. Und nicht immer einfache. Denn die übliche Neapolitaner Kirche prunkt nicht auf einem Riesenplatze, weithin sichtbar, mit Quergebäuden, Chor und Kuppel. Sie liegt versteckt, eingebaut; hohe Kuppeln sind oft nur von wenigen Orten zu sehen, auch dann ist es nicht leicht, zu ihnen zu finden; unmöglich, die Maße der Kirche aus der der nächsten Profanbauten zu sondern. Der Fremde geht an ihr vorüber. Die unscheinbare Tür, oft nur ein Vorhang, ist die geheime Pforte für den Wissenden. Ihn versetzt aus dem Wirrsal schmutziger Höfe ein Schritt in die lautere Einsamkeit eines hohen geweißten Kirchenraums. Seine Privatexistenz ist die barocke Ausmündung gesteigerter Öffentlichkeit. Denn nicht in den vier Wänden, unter Frau und Kindern geht sie hier auf, sondern in der Andacht oder in der Verzweiflung Nebenstraßen lassen den Blick über schmutzige Stiegen und Kneipen hinabgleiten, wo drei, vier Männer, in Abständen, hinter Tonnen verborgen wie hinter Kirchenpfeilern, sitzen und trinken.
In solchen Winkeln erkennt man kaum, wo noch fortgebaut wird und wo der Verfall schon eingetreten ist. Denn fertiggemacht und abgeschlossen wird nichts. Porosität begegnet nicht allein mit der Indolenz des südlichen Handwerkers, sondern vor allem mit der Leidenschaft für Improvvisieren. Dem muß Raum und Gelegenheit auf alle Fälle gewahrt bleiben. Bauten werden als Volksbühne benutzt. Alle teilen sie sich in eine Unzahl simultan belebter Spielflächen. Balkon, Vorplatz, Fenster, Torweg, Treppe, Dach sind Schauplatz und Loge zugleich. Noch die elendste Existenz ist souverän in dem dumpfen Doppelwissen, in aller Verkommenheit mitzuwirken an einem der nie wiederkehrenden Bilder neapolitanischer Straße, in ihrer Armut Muße zu genießen, dem großen Panorama zu folgen.
Walter Benjamin, 1924
Walter Benjamin entdeckt seiner Auffassung nach eine Liebe der Neapolitaner zum Unfertigen, die viel Platz zum Improvvisieren lässt. Die 1920er Jahre in Neapel, über 50 Jahre nach der Vereinigung Italiens, war eine Zeit der großen Armut und Auswanderung in die Usa. Neapels Gassen und Straßen, wie auch noch viele Jahrzehnte danach und bis heute noch in vielen Ecken Neapels sichtbar, waren ungestrichen oder direkt an oder in den Tufstein gehauen. Die Unbeständigkeit der verschiedenen Ortschaften entwickeln sich je nach Situation in Schauplätze, an denen auch die ärmste Schicht des neapolitanischen sich durch Improvisation an einem sich nie wiederholenden Theaterstück teilhaben können.
Walter Benjamin war ein deutscher Kunstkritiker und Philosoph der Frankfurter Schule. Im Jahr 1924 und 1925 verbringt er im Alter von 32 Jahren zusammen mit Theodor Adorno, Siegfried Kracauer und Alfred Sohn-Rethel mehrere Monate am Golf von Neapel. Der Golf von Neapel und die Amalfiküste waren in jenen Jahren ein beliebtes Reiseziel besonders von deutschen, englischen und russischen Philosophen und Künstlern, die hier Inspiration und Ruhe suchten.
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