Zu Isernia, einer saminitischen Stadt, die sich heute in der Provinz Molise befindet, feiert man jedes Jahr am 27. September ein großes Fest…Auf dem Markt wie überall in der Stadt verkaufen Christenmenschen unterschiedlichst geformte männliche Glieder aus Wachs – in Größen bis zu einem Zoll… Sie beten zu Sankt Cosimus und Damianus. Es sind fast nur Frauen…Von einer vernahm ich folgende Worte: “Gesegneter Sankt Cosimus, so soll er sein.” Andere sagten: “Heiliger Cosimus, alles sollst du von mir wissen” und “Sankt Cosimus, danke, danke.” Ich beobachtete noch dies und jenes, das sich in dem Kircheneingang abspielte, wo jede Frau ihre Votivgabe mit Küssen bedachte.
Lord Hamilton, 1781

Sir William Douglas Hamilton ( geb. 1730 in Henley-on-Thames, gest. 1803 in London) war ein schottischer Diplomat, Kunstsammler und Vulkanologe. Von 1764 bis 1799 diente Hamilton als britischer Diplomat am Hof des Königreichs Neapel und nutzte die Zeit auch um die Erdbeben und vulkanische Aktivität im vesuvianischen Gebiet zu beschreiben. Für die Weimarer Klassik ist Hamilton insofern von Bedeutung, als er in Rom und Neapel mit Johann Wolfgang von Goethe und Karl Philipp Moritz zusammentraf und wegen seines archäologischen Sachverstandes großen Einfluss auf deren beider Italienbild ausübte.
Der Ausflug des Lord Hamilton nach Isernia ist ein interessanter Bericht über die Vermischung von vorchristlichen und christlichen volkstümlichen Traditionen, die heute vielleicht langsam am aussterben sind, im den letzten Jahrhunderten in großen Teilen Süditaliens aber noch stark vorhanden waren. In Neapel sind dafür zum Beispiel das rote Hörnchen in Chili-Form “Curniciello”, die Adoption der Totenschädel im Fontanelle-Friedhof im Stadtviertel Sanità, wie auch von Roger Peyrefitte beschrieben, oder auch der San Raffaele mit dem Fisch-Kult in der Gegend von Materdei starker Ausdruck dieser historischen Vermischung von Traditionen, die nicht selten aus heutiger Sicht sehr skuril wirken können.
Weitere Berichte und Zitate über Neapel und die Region findet ihr in meinem Blog.


2 Antworten auf „Lord Hamilton besichtigt Isernia und eine skurile süditalienische Tradition“
Interessant !
Hier etwas von Goethe über Hamiltons Antike-Sehnsucht:
„Auf Antrieb Freund Hackerts, der sein Wohlwollen gegen mich steigert und mir alles Merkwürdige zur Kenntnis bringen möchte, führte uns Hamilton in sein geheimes Kunst- und Gerümpelgewölbe. Da sieht es denn ganz verwirrt aus; die Produkte aller Epochen zufällig durcheinander gestellt: Büsten, Torse, Vasen, Bronze, von sizilianischen Achaten allerlei Hauszierat, sogar ein Kapellchen, Geschnitztes, Gemaltes und was er nur zufällig zusammenkaufte. In einem langen Kasten an der Erde, dessen aufgebrochenen Deckel ich neugierig beiseiteschob, lagen zwei ganz herrliche Kandelaber von Bronze. Mit einem Wink machte ich Hackerten aufmerksam und lispelte ihm die Frage zu, ob diese nicht ganz denen in Portici ähnlich seien. Er winkte mir dagegen Stillschweigen; sie mochten sich freilich aus den pompejischen Grüften seitwärts hieher verloren haben. Wegen solcher und ähnlicher glücklicher Erwerbnisse mag der Ritter diese verborgenen Schätze nur wohl seinen vertrautesten Freunden sehen lassen…“
„Der Ritter Hamilton, der noch immer als englischer Gesandter hier lebt, hat nun nach so langer Kunstliebhaberei, nach so langem Naturstudium den Gipfel aller Natur- und Kunstfreude in einem schönen Mädchen gefunden. Er hat sie bei sich, eine Engländerin von etwa zwanzig Jahren. Sie ist sehr schön und wohl gebaut. Er hat ihr ein griechisch Gewand machen lassen, das sie trefflich kleidet, dazu löst sie ihre Haare auf, nimmt ein paar Schals und macht eine Abwechslung von Stellungen, Gebärden, Mienen etc., daß man zuletzt wirklich meint, man träume. (…) Er findet in ihr alle Antiken, alle schönen Profile der sizilianischen Münzen, ja den Belvederschen Apoll selbst. So viel ist gewiß, der Spaß ist einzig! Wir haben ihn schon zwei Abende genossen. Heute früh malt sie Tischbein…“
Besten Dank fuer den Beitrag! Leider hat Hamiltons Liebe zur Antike dazu gefuehrt das er bei seiner Flucht der parthenopeischen Revolution eine ganze Schiffsladung von seiner Sammlung ausFundstuecken der Antike nach England mitgenommen hat. Das Schiff ist vor England leider untergegangen und die Sammlung verloren gegangen!
Lg aus Neapel und frohes neues Jahr