Gregorovius und das Schauspiel eines religiösen Fests in Neapel

Kraftvolle Natur gegen großes Theater in der Stadt von Pulcinella

Ich habe an jedem Feste der Madonna del Mercato, wie später an vielen andern, Gelegenheit gehabt, zu bemerken, wie auch hier alles ins Weltliche, Heitere, ins Volk selbst hineingezogen wird. Man geht nicht zum Feste, um den Anblick eines geistlichen Pompes oder kirchlicher Schaustellungen zu haben, man geht, um im Freien an der Dekoration der Natur sich zu ergötzen, in welche diese ungeheure Menschenmenge einen nicht zu sagenden Farbenreichtum hineinträgt.

Volksfeste in Neapel. Auf dieser Abbildung das Fest von Piedigrotta

Ich sah das neapolitanische Volk in ungezählten Tausenden bei dem Feste Centesimo, dem hundertjährigen Besuch der Madonna des Posilip beim Könige, und nimmer sah ich ein ähnliches Festtheater. Die herrliche Chiaia und die Villa Reale bis an die Grotte des Posilip hin mit buntem Menschengewühl übergossen, Fahnen, Teppiche, Blumen überall; der Golf lichtstrahlend, Ungeheuerlichkeit der Körpergestalten, wie endlich die bunte Menge von Amuletten und Symbolen des Aberglaubens bezeichnen, welche dort verfertigt umherlagen? Ich schaute diesen geheimnisvollen Künstlern zu. Wahrhaftig, man möchte sagen, sie machen Götter für das Volk, wie einst Homer und Hesiod die Götter gemacht haben.

Mit diesem Blick in eine Fabrik neapolitanischer Heiliger, in dies lange, tiefe, schauerliche Zimmer glaubte ich einen Blick in die Religion des Volks selbst getan zu haben, und ich gestehe, ganz verwirrt, ganz ekel ging ich hinweg und schöpfte wieder auf dem Molo Atem, als mein Auge auf die ewig reine, ewig klare, heilig große Natur fiel.

Nein, der Mensch ist nicht wie sie, ist nicht wie die Natur, die ihn umgibt; würde er denn sonst im Anblick dieses Meeres, dieses Himmels und dieser Berge so abscheuliche, kleine, beflitterte Puppen anbeten können? Es sind Pulcinellen, die Neapolitaner; das Wahre Symbol ihres Wesens ist der Pulcinella, nichts andres; ihr Leben ist ein komisches Theater, und selbst die Natur ist für sie nur als eine große Operndekoration anzusehen.

Ferdinand Gregorovius, um 1850

Ferdinand Gregorovius (1821-1891) war ein bedeutender deutscher Philologe und Historiker und bekannt für seine Studien über das Mittelalter in Rom. Seine “Wanderjahre in Italien” beschreiben in 5 Bänden (1856-1877) die verschiedenen Orte Italiens, unter anderem auch Capri und Neapel.

Seine Reisen im reifen Alter durch Neapel folgen nicht dem typischen Schema der Grand Tour, sondern eher einem intellektuellen Reisebericht. Wie in dem anderen veröffentlichten Bericht von Gregorovius über Dispotismus und Freiheit in Neapel, spielen die Theatralik und die Natur auch hier eine wesentliche Rolle. In diesem Fall ist das Thema ein religiöses Fest der Madonna del Mercato und Gregorovius Überzeugung von der Ferne von Natur und religiösem Schaupiel, sicher bis heute eine unbewusste Grundüberzeugung in Deutschland gegenüber dem katholischen und barocken Italien. So bezeichnet er die Neapolitaner schließlich als Pulcinellen, Liebhaber des großen Theaters und der künstlichen Dekoration.

Weitere Berichte und Zitate über Neapel und die Region findet ihr in meinem Blog.

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