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Neapel und Kampanien in der Literatur

Lambiase und Neapel als Wehrmachtslazarett

Schnell wird die Stadt für die Deutschen zum Kriegslazarett, auf halber Strecke zwischen Berlin und der afrikanischen Küste ideal gelegen, fernab der grossen europäischen Kriegsschauplätze. Abgesehen von ihrem Dreck ist sie aussergewöhnlich einladend, herzlich, ja geradezu dienstfertig. Bereits in den Jahren 1940-41 wimmelt es in der Stadt von deutschen Soldaten und Offizieren, es gibt eine Ortsgruppe der Nationalsozialistischen Partei, eine Zelle der Hitlerjugend, eine italo-germanische Vereinigung, die im Bereich der Kulturpropaganda eine fieberhafte Aktivität entwickelt. Für Minister und Parteileiter des Reichs, die Italien besuchen, ist Neapel Pflichtetappe. Ihre Ausflüge nach Capri, Pompeji, Sorrent, usw. sind Teil einer touristischen Gepflogenheit, die mit Goethe ihren Anfang genommen hatte. So kommen alle in der stillschweigenden Absicht hierher, so lange wie möglich zu bleiben. Es wird heimlicher Wunsch zahlreicher deutscher Soldaten, zur Genesung, ja selbst zum Sterben nach Neapel zu kommen. Man errichtet eine Luftbrücke zwischen der kyrenäischen Front und der Stadt. Auf dem Flughafen finden die “Gäste” eine fahrbare Erste-Hilfe-Station vor. Wer Aussicht auf Gesundung hat, den lockt die Fata Morgana Capri oder Sorrent…In Capri werden die Kriegsversehrten äusserst zuvorkommend aufgenommen. Natürlich verleihen die Nazis dem Ereignis höchste Feierlichkeit, um den Rang zu unterstreichen, den sie der Insel nicht nur heute, sondern auch in Zukunft einzuräumen gedenken. Vor ihrer Rückkehr nach Deutschland besichtigen die Kriegskrüppel Pompeji. Auf Fotografien dieser Zeit zeigt sich die beinahe symbolische Beziehung, die die Deutschen zu ihrem Gastland haben. Keine Beziehung zu lebendigen, sondern eine zu “toten” Dingen: leere Strassen und herrliche archäologische Landschaften, auf denen die Augen des verstümmelten Offiziers auf der Tragbahre verweilen.

Sergio Lambiase, 1978

Die vier Tage von Neapel, Bild aus dem Film von Nanni Loy

Sergio Lambiase ist ein in Neapel lebender und arbeitender Schriftsteller, Journalist und Regisseur. Dieser Text ist ein Auszug aus seinem ersten bekannten Werk “L’odore della guerra” über die Jahre 1940 bis 1945 in der Stadt Neapel. Ab 1943 leidet Neapel stark an amerikanischen Bombardierungen und in den letzten 4 Tagen des Septembers des selben Jahres, den sogenannten 4 Tagen von Neapel, wird Neapel sich als erste Stadt Europas ohne Fremdhilfe von der Unterdrückung des Naziregimes befreien, obwohl Neapel zu der Zeit den Hauptstützpunkt der Wehrmacht darstellte. In dem ausgewählten Auszug von Sergio Lambiase wird unterstrichen das der Golf von Neapel wohl selbst für die Wehrmacht ein besonderes Ziel gewesen sei und wie der Aufenthalt von ihnen erlebt worden könnte.

Weitere Berichte und Zitate über Neapel und die Region findet ihr in meinem Blog.

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