“Ich liebe Neapel. Es ist die am wenigsten amerikanisierte Stadt Italiens, vielleicht ganz Europas…Amerika kann ich natürlich nicht hinzufügen, von dort kommt ja der Einfluß.
Und das obwohl (Neapel) über lange Zeit von amerikanischen Truppen besetzt war. Doch sobald die amerikanischen Truppen abgereist waren, dabei vielleicht ein paar Mischlinge hinterlassen haben, wurde alles amerikanische wieder entfernt.
Die Kraft der Neapolitaner liegt in ihrer Natur, dem Charakter und den Traditionen. Ich mache mal ein banales Beispiel: in einer berühmten Konditorei Neapels waren, neben dem Babà und den typischen neapolitanischen Süßwaren, Pasta mit Bohnen und Pasta mit Kichererbsen im Schaufenster ausgestellt. Damit will ich unterstreichen wie stark die eigenen Traditionen in Neapel verwurzelt sind. Ihr Humor…und die Fähigkeit die Probleme eines ganzen Tages mit einem Spruch zu lösen.

Ich habe bei 5 oder 6 Filmen mitgewirkt die in Neapel gedreht wurden. Zum Glück mit Persönlichkeiten wie Vittorio de Sica, Ettore Scola, Jack Lemmon…selbst er war verblüfft. Wer weiss was er erwartet hat! Selbst einen ganzen Koffer mit Medikamenten hatte er mitgebacht. Wer weiss was sie ihm in Hollywood erzählt haben mußten…Cholera und andere Ansteckungsgefahren, die er in Neapel ausgesetzt werden würde. Doch er wurde sich sofort bewusst das dem nicht so war und die Stadt sehr lieblich ist, voll mit Sympathie für Ausländer, weder kriecherisch noch clever und so intelligent um zu verstehen, das man sich alltäglich anstrengen muß um Lösungen zu finden.
In Rom zum Beispiel, auf der Via del Corso, die ich zu Fuß entlanglief und dabei etwas überrascht war da sie eher einem arabischen Markt ähnelte, überfüllt von jungen Leuten mit zerrissenen Blue Jeans die planlos durch die Gegend laufen, hörte ich eine männliche Stimme hinter mir “Meine Güte wie viele Falten! Hast du gesehen wie er gealtert ist?” sagen. Zu einer Freundin oder irgendjemand anders absichtlich laut gesagt, denn ich sollte es ja ebenfalls hören. “Meine Güte wie viele Falten!”. So etwas ähnliches ist mir auch in Neapel wiederfahren: “Marcellì, wir sind doch ein wenig älter geworden, oder? Trinken Sie einen Kaffee mit mir?”
Sehen Sie den Unterschied? Was für eine feine Form, welch Höflichkeit im Gemüt! Ich würde es lieben auf einen neapolitanischen Planeten zu leben, denn ich weiss das ich mich dort wohl fühlen würde. Neapel sollte man als einzigartige Stadt betrachten: sie ist sehr intelligent und was Besonderes, aus diesem Grund kann sie nicht von allen verstanden werden. Jetzt schaut mal hier (Umdrehend und mit der Hand auf die Küste sich zeigend)! Dies hier ist eine schöne Landschaft! Aber wollen wir das mit dem Golf von Neapel vergleichen? (Eine weitere Geste mit Hand mit einem Ausdruck von Nostalgie) “Ammo Perso..” (auf römisch: wir sind die Verlierer).
Marcello Mastroianni, 1996
Folgend: Bilder von Neapel
Musik: Vincenzo La Scola – Passione Mediterranea
Marcello Mastroianni (geb. in Fontana Liri, 1924 – gest. 1996 in Paris) war ein italienischer Kinoschauspieler und einer der berühmten italienischen Persönlichkeiten der 60er und 70er Jahre. Mastroianni verbringt seine Kindheit größtenteils in Turin und zieht mit seiner Familie im Alter von 9 Jahren nach Rom, wo er seine Karriere starten wird.
Besonders beliebt sind bis heute seine Filme unter Federico Fellini und mit Sofia Loren.
Das Interview stammt aus dem Film Mi ricordo, sì, io mi ricordo (auf englisch: I remember) von Anna Maria Tatò und wurde im Jahr 1996 kurz vor dem Tod von Mastroianni gedreht. Die Antworten Mastroiannis beziehen sich auf seine Aufenthalte in Neapel, die hauptsächlich in den 60er und 70er Jahren stattgefunden haben. Die für Neapel sehr schmeichelhaften Antworten ähneln mehr einer Poesie als einer rationalen Antwort. Vielleicht idealisiert Mastroianni die Stadt, doch hat Neapel in jenen Jahren sowohl bei Intellektuellen wie Pasolini als auch im Volk viele gespalten und galt für manche als Hoffnung, während für andere dem Fortschritt verschlossen und traditionell. Im Vergleich zur von Mastroianni beschrieben Stadt ist Neapel heute sicher doch globalisierter und durch den gestiegenen Wohlstand doch mit einem stärkeren amerikanischen Einfluß besetzt. Mastroiannis Liebe zur neapolitanischen Herzlichkeit und den Besonderheiten geben ihm zu verstehen, wie vielen anderen Reisenden auch heute noch, das die Stadt in mancher Hinsicht speziell ist und dessen Komplexität nicht von jederman verstehen werden kann. Zum Abschluß kehrt Mastroianni nostalgisch mit seinen Gedanken in den Zauber des Golfes von Neapel zurück. Mastroianni wird bis heute sehr von vielen Neapolitanern verehrt.
Weitere Berichte und Zitate über Neapel und die Region findet ihr in meinem Blog.

