Die Eroberung Süditaliens durch die Normannen

Eine Eroberung, die über 700 Jahre lang den Süden Italiens vereint

Die ursprünglich aus Skandinavien stammende Bevölkerung der Normannen (von Nordmännern) nutzen ihr Wissen im Schiffsbau um zu pilgern, zu handeln oder auch Raubzüge zu organisieren. Die Normannen sind in jener Zeit größtenteils bereits christlichen Glaubens und die erdrückende Feudalwirtschaft der Normandie führt zu starken Migrationen der Normannen in Richtung Ostsee, Nordsee, dem atlantischen Ozean und in den Mittelmeerraum.

Zur Jahrtausendwende als Söldner in Kampanien

In Kampanien und Süditalien werden normanische Pilger urkundlich zum ersten Mal in Salerno bei ihrer Rückkehr aus Jerusalem im Jahre 999 erwähnt. Die normanischen Krieger helfen Fürst Guaimar IV. Salerno vor einem Angriff der Sarazenen erfolgreich zu verteigen. Daraus folgte, daß einzelne Ritter oder Rittergruppen aus der Normandie nach Süditalien zogen, um hier als Söldner in die Dienste der verschiedenen langobardischen Fürsten oder byzanthinischen Herrscher zu treten.

Rückzug aus Apulien

Im Jahr 1016 reisen normannische Pilger zum Schrein des Erzengels Michael in Gargano und treffen dort auf den langobardischen Adligen Melus von Bari. Dort versuchen sie zusammen mit Melus Apulien von den Byzantinern zu befreien und beteiligen sich somit das erste Mal an einem geplanten Krieg. Die Schlacht von Canne im Jahr 1018 endet allerdings mit einer derben Niederlage und dem Tod von Rainulph Drengots Bruder sowie einem Rückzug der Überlebenden von Apulien nach Kampanien.

Erster fester Sitz in Aversa

Die normannische Grafschaft von Aversa unweit von Neapel

In Kampanien nutzt die restliche normanische Miliz unter Rainulph Drengot die Rivalität der langobardischen Herzogtümer aus und unterstützen zuerst Pandolph IV. von Capua. Weitere Raubzüge und Wechsel zu den meistbietendsten Auftraggebern folgen in den Jahren darauf. Nachdem Pandolph es zum ersten Mal schafft das Herzogtum von Neapel zu erobern, unterstützt Rainulph Drengot mit seinen normannischen Rittern allerdings überraschenderweise den neapolitanischen Herzog Sergius IV bei der Rückeroberung der Stadt. Zum Dank erhalten die Normannen durch Sergius IV. von Neapel im Jahre 1030 die Grafschaft von Aversa unweit von Neapel als Lehen und werden somit zum ersten Mal in Süditalien sesshaft.

Eroberung von Capua

Das Vorgehen von Drengot verärgert den deutschen Kaiser Konrad II., der das Fürstentum von Capua daraufhin erobert um es dem antibyzantinischen Fürsten Waimar IV von Salerno zu übergeben. In diesem Zeitraum bemerken die Normannen, daß weder die Langobarden noch die Byzantiner in Süditalien eine Zukunft haben können, da sich sowohl der deutsche Kaiser als auch der Vatikan in die Interessen Süditaliens einmischen. Da keiner den Mut findet entschieden einzugreifen, erobern die Normannen das Fürstentum von Capua, mit öffentlicher Anerkennung von Konrad II., um zu einer der größten politischen Mächte im Süden Italiens heranzuwachsen.

Zweites normannsches Machtzentrum unter Wilhelm von Hauteville

Wilhelm “Eisenarm” von Hauteville erreicht mit seinem Bruder Drogo nach Anfrage von Rainulph Drengot um 1035 Süditalien  um die Byzantiner bei der Rückeroberung Siziliens von den Arabern zu unterstützen. Nachdem das Ziel nicht erreicht werden konnte, schließen sich die Langobarden unter Waimar VI. und die Normannen unter Wilhelm Eisenarm zusammen um das byzantinische Apulien an sich zu reissen.

Sitz der Hauteville in Melfi

Die Hauteville in Melfi

Die ständig umkämpften Territorien führen zu einer erneuerten Allianz im Jahre 1042 zwischen Rainulph Drengot und Pandolph IV. von Capua um dem langobardischen Fürst Waimar IV. von Salerno zu bekämpfen, der allerdings seine Schwester Gaitelgrima mit Drogo verheiratet um seine Freundschaft und die Position der Normannen als seine Vassallen zu verstärken. Mit dem Plan gemeinsam Kalabrien zu erobern schenkt Waimar IV von Salerno dem Normannen Wilhelm Eisenarm von Hauteville dafür im Jahr 1044 die Stadt Melfi.

Benevent als Enklave des Papstes

Innerhalb weniger Jahrzehnte geraten somit die verschiedenen soliden und sekulären Kleinstaaten, die bisher in verschiedenen Formen einen eigenen intellektuellen und wirtschaftlichen Fortschritt erlangt hatten, in eine schwierige Situation. Benevent, die ursprüngliche Hauptstadt des langobardischen Herzogtums, fällt im Jahr 1051 unter den heiligen Stuhl des Papstes (und wird dieses auch bis zur Vereinigung Italiens im Jahre 1860 bleiben) und somit zu einer Enklave innerhalb des normannischen Reiches.

Verbündet mit dem Papst unter dem Zeichen des Christentums

Durch den Wunsch des Vatikans den Süden Italiens von den Byzanthinern zu befreien, erhalten die Normannen vom Papst den Konsens ein katholisches normannisches Königreich zu erschaffen. Im August des Jahres 1059 kommt es zur Synode von Melfi: Papst Nikolaus II. bestätigt nicht nur die Gebietsansprüche der beiden Fürsten Richard von Capua und Robert Guiskard, sondern macht sie offiziell zu seinen Lehnsleuten.

Vertreibung der Byzanthiner und die Eroberung Siziliens

Ein weiterer Vorteil stellt der gemeinsame Kampf mit den Genuesern und Pisanern gegen das von der Arabern beherrschte Sizilien dar. Robert de Hauteville geht diese Aufgabe an und erobert 1072 Palermo in einer überraschenden Invasion, im Jahr 1073 Amalfi und im Jahre 1076 Salerno. Im Laufe weniger Jahre fällt eine sizilianische Stadt nach der anderen, bis 1091 mit der Stadt Noto auch das letzte arabische Bollwerk unterliegt. Durch die Eroberung von Bari im Jahre 1071 wird außerdem den Byzanthinern die letzte militärische und politische Präsenz im Süden Italiens genommen. Erst als die Normannen dem Papst den Molise entreissen kommt es zum Konflikt zwischen Gregor VII und den Normannen. Durch die starke militärische Macht der Normannen unter Robert Guiskard akzeptiert die Kirche im Jahr 1080 allerdings einen Friedensvertrag.

Der Aufstieg von Salerno

Die medizinische Schule von Salerno, Miniatur aus dem Kanon von Avicenna

Salerno steigt in den Jahren von 1077 bis 1130 zur Hauptstadt des kontinentalen Süditaliens auf und wird, auch dank ihrer berühmten Scuola Medica (die medizinische Schule), ihren wohl bisher ruhmvollsten historischen Zeitraum erleben. Die Scuola Medica von Salerno wird in jenem Zeitraum wohl das wichtigste Studienzentrum des christlichen Westeuropas. Die Stadtstruktur von Salerno erneuert sich ebenfalls: Eine neues Königsschloß wird gebaut, das Castel Terracena, sowie der beeindruckende Dom, der unter Robert Guiskard im arabisch-normanischen Stil errichtet wird. Der Dom wird von Papst Gregor VII eingeweiht, der im Exl in Salerno unter normannischem Schutz lebt (und heute begraben liegt) und die verehrten Reliquien des Apostels Matthäus konserviert.

Der erste christliche Kreuzzug

Nach einem missglückten Angriff auf den Orient stirbt Robert Guiskard im Jahr 1085 in Kefalonia, wenige Jahre nachdem er Papst Gregor VII aus Rom von der Haft durch Heinrich IV. befreit und nach Salerno bringt. Im Jahr 1096 startet nach einem Hilferuf des byzanthinischen Kaisers mit Unterstützung der Franzosen der erste Kreuzzug auf die islamische Bevölkerung, der sich jedoch auch auf Konstantinopel selbst und die jüdische Bevölkerung ausweitet.

Vereinigung Süditaliens unter der normannischen Krone

Gegen Ende des 11. Jahrhunderts haben die Normannen mit Ausnahme der päpstlichen Enklave Benevent und dem Herzogtum von Neapel bereits den gesamten Süden Italiens erobert. Die Invasion von Kaiser Lothar III. in Italien führt zu harten Kämpfen zwischen den Normannen und der römisch-deutschen kaiserlichen Armee und einen kurzweiligen Verlust einiger Territorien. Nur kurz nach der Abreise Lothars III. aus Italien im Jahr 1137 erobern die Normannen unter König Roger II. Salerno, Avellino, Benevent und Capua zurück und außerdem zum ersten Mal auch das Herzogtum von Neapel. Das Königreich der Normannen beinhaltet nun ganz Süditalien von Sizilien bis nach Gaeta im Süden Roms.

Erster moderner Beamtenstaat Europas

Die Familie Hauteville, Melfi

Nach vielen Jahrhunderten politischer Trennung werden die Städte Kampaniens unter der normannischen Krone vereint und ein Modell für ganz Europa was die Effizienz und Moderne der politischen Verwaltung betrifft. Nach arabischem Vorbild wird der erste moderne Beamtenstaat Europas in Süditalien gegründet. Ein Beispiel hierfür ist die Verfassung der sogenannten Assisen von Ariano (das heutige Ariano Irpino in der Provinz von Avellino), einer umfassenden Verwaltungs- und Justizreform aus dem Jahre 1140, bei der religiöser von königlicher Macht getrennt und die wachsende Macht der Barone gehemmt werden sollen.

Lateinisierung der süditalienischen Kirche

Durch die Normannen kann der Vatikan auch die Lateinisierung der griechischen Kirche in Süditalien fortführen. Die Normannen akzeptieren die kirchliche Authorität des Papstes über alle lokale Bischöfe, ob griechischen oder lateinischen Kults, sowie die Vormachtstelltung der lateinischen Bischöfe über jegliche Kulte anderer Sprachen. Den Normannen begnügen damit das die lateinischen Priester vorzugsweise normannischer Herkunft sind.

Verlust der lokalen Autonomien

Das normannische Reich bedeutet allerdings auch eine schwer zu überwindende Blockade für die Autonomie der Städte Kampaniens und der Entwicklung ihrer Verwaltungen. Der wirtschaftliche Wohlstand von Zentren wie Amalfi wird gemindert, da ihre Position im internationalen Handel nicht mehr so zentral und autonom wie zuvor ist. Interessanterweise gibt es im Süden Italiens bis zur Ankunft der Normannen kein wirkliches Feudalsystem, das von den herrschenden Dynastien abhängig gewesen wäre. Die große Anzahl von Gemeinden und Dörfern waren relativ autonom und riskierten nur Raubzüge der Langobarden oder hohe Steuerabgaben an die Byzanthiner. Durch die Organisation der Langobarden als oft miteinander verwandter Volksstamm und der Byzanthiner als bürokratisch-militärischen Systems eines ethisch-religiösen Reiches entwickelt sich somit nur eine Steuererhebung an die verschiedenen Volksgruppen, Familien und Gemeinden Süditaliens.

Hyrarchisches Militärsystem in der Verwaltung

Die Normannen tendieren zwar zu einem zentralisierten staatlichen System, allerdings unter verschiedenen Hyrarchien, bei denen die Untergeordneten meist Vassallen der wirtschaftlich und militärisch mächtigeren Oberschicht sind. Selbst die Religion ist nur Instrument um besser regieren zu können und theologische Diskussionen sind praktisch kaum vorhanden. Die Normannen bedienen sich eigenen Funktionären um staatliche Güter zu kontrollieren und somit eine wirtschaftliche und politische Autonomie aufzubauen. Die normannischen Herrscher können die historisch und sprachlich pluralistischen Kulturen schwer unter einen Hut kriegen, daher versuchen sie einen zentralisierten Staat mit militärischer Gewalt aufzubauen, der auf klare Hyrarchien zwischen Über- und Untergeordneten basiert und die lokalen Landwirte und Bauern unterdrückt.

Die Abhängigkeit vom König

Roger II, normannischer König Süditaliens, Mosaik aus der Martorana Kirche von Palermo

Im sogenannten “Katalog der Barone” aus dem Jahr 1153 werden alle Pflichten der Ritter, Barone und den neuen Grundbesitzern aufgeführt, die wie im normannischen England alle vom König abhängig sein müssen. Der König bleibt exklusiver Inhaber aller Feudalwirtschaften des Reiches und dies garantiert ihm einen immensen Reichtum und eine von den Baronen unabhängige Entscheidungsfreiheit. Somit sind alle, von der Kirche über den Adel bis zum Bauern, in irgendeiner Form an den normannischen König gebunden.

Eweiterung in Richtung Afrika

Die normannischen Könige legen viel Wert auf territoriale Eroberungen. Nach der Gründung des süditalienischen Reichs unter der normannischen Krone erweitern Roger II, Wilhelm I und Wilhelm II das Königreich in Richtung Afrika von Tripolis bis Tunis. Im Jahr 1156 konkurriert das Reich von Sizilien in militärischer Macht und Reichtum mit Frankreich und England und stipuliert Abkommen mit Papst Hadrian IV. über wichtige Städte wie Capua, Neapel, Amalfi oder Salerno aus.

Die Entwicklung der süditalienischen Gemeinden

Das normannische Reich von Sizilien

Die Einführung der strengen Feudalherrschaft durch die Normannen hat schlimme Folgen auf die Einheit und die Verbindungen zwischen Stadt und Umland: die feudalen Systeme führen zu einem politischen Partikularismus und zerschlagen das Fundament der von den Normannen selbst versuchten staatlichen Einheit. Durch das mangelnde Interesse an einer autonomen Entwicklung der lokalen Bauern, Händler und Gemeinden organisieren sich viele Bewohner in “universitas” genannte Gemeinden um eigene Interessen besser verteidigen zu können. Der normannische Verwaltungsapparat hingegen ist fair und effizient, da die Justiz von staatlichen Funktionären und nicht von den Baronen ausgeführt wird.

Roger II. Tochter Konstanze als neue Königin mit Heinrich VI. als Mann

Doch die Einheit zwischen Vatikan und Normannen bricht mit der Heirat von Konstanze von Hauteville mit Heinrich VI. Da Wilhelm II. keine Kinder bekommt und bei den Normannen nicht unbedingt ein Mann das Königreich regieren muß, schafft es Konstanze, Tochter von Roger II, den jungen Wilhelm III zu entthronen und nach einem Krieg gegen die mit dem Papst allierte Armee von Tankred neue Königin von Sizilien zu werden.

Abgabe des Königreichs und dem Sohn Friedrich an Papst Innocenz III.

Konstanzes Ehemann Heinrich VI. läßt sich von Papst Coelestin III. als Kaiser krönen, bleibt aber wegen seinem überraschenden Tod im Alter von 32 lediglich drei Jahre auf dem Thron des Königreichs von Sizilien. Konstanze beendet die Dynastie der Normannen indem sie Papst Innocenz III sowohl ihren jungen Sohn Friedrich als auch das Königreich in Obhut gibt. Friedrich wird als Erwachsener den Kampf gegen den Vatikan allerdings fortführen und einer der bis heute bekanntesten Könige Europas werden.

Die Könige Siziliens (inklusive dem Süden Italiens) der Hauteville-Dynastie von 1130-1198

  • Roger II, 1130-1154 schafft es den gesamten Süden Italiens zu erobern und zu einem Zentralstaat zu vereinen, der als einziger in Italiens Geschichte 700 Jahre überdauert;
  • Wilhelm I, der Böse, 1154-1166, Sohn von Roger II;
  • Wilhelm II, der Gute, 1166-1189, Sohn von Wilhelm I;
  • Tankred 1189-1194, Sohn von Roger III. von Apulien, dem ältesten Sohn von Roger II;
  • Wilhelm III, 1194, Sohn con Tankred, Thronfolger im Alter von 9 Jahren unter Aufsicht seiner Mutter Sybille;
  • Konstanze von Hauteville, 1194-1198, nach dem Tod von Roger II. geborene Tochter, die sich mit dem Staufen Heinrich VI., Sohn von Friedrich I. Barbarossa, verheiratet und den legitimen Nachfolger Wilhelm III absetzt um das Königreich von Sizilien zu regieren. Nach dem Tod von Heinrich im Jahr 1197 regiert die Witwe im Namen des Sohns Freidrich II., zukünftiger König von Sizilien, Deutschlands und des heiligen römischen Reichs.

 

Weitere Infos finden Sie in meinem Blog zur Geschichte Neapels und Kampaniens

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