Fucini und der Nagel des Vertrauens auf Capri

Kleine Wunder des Zusammenlebens auf der mediterranen Insel im Golf von Neapel

Bei der Besichtigung der kleinen Kathedrale (von Capri) blieb mein Blick an einem Nagel haften, der neben einem kleinen Weihwasserbecken in die Wand geschlagen war. Ich erkundigte mich nach diesem Nagel und erfuhr, daß jeder, selbst der wertvollste Gegenstand, der auf der Insel verlorenging, nach einiger Zeit an diesem Nagel gesucht würde, wo er mit Sicherheit wiederzufinden sei, da ihn jeder Finder dort aufhängen würde.

“Das glaube ich nicht”, sagte ich. “Es ist die Wahrheit, mein Herr”, wurde mir geantwortet. Ich meinte zu träumen.

Da kam mir etwas Ungeheures in den Sinn. Wenn man unzählige solche Nägel in den Kathedalen aller europäischen Metropolen anbrächte! Wenn man den Völkern ein solches Zeichen des Vertrauens setzte! Wer weiss! Die Menschen sind letztlich nichts als erwachsene Kinder, und nicht selten lassen sich in trotzigen Kindern erhabene Reaktionen erkennen, wird ihnen unversehens ein Zeichen von höchster Achtng entgegengebracht, das sie demütigt.

Man sollte es versuchen. Man setze diesen Wundernagel, und ich wollte wetten, daß ihn keiner entfernen würde, wäre er nur aus Eisen und gut befestigt.

Renato Fucini, 1877

Erstes Prosa-Werk Fucinis: Napoli a occhio nudo

Renato Fucini (1843-1921) war ein italienischer Dichter und Schriftsteller, der vor allem seine Heimatsregion Toskana beschrieben hat. Im Jahr 1877 debuttiert er mit einer Prosa über Neapel und die Umgebung mit dem Namen “Neapel mit nackten Augen: Briefe an einen Freund”. Die Erfahrung Fucinis mit dem Urvertrauen der lokalen Bevölkerung auf der damals noch recht wenig besichtigten Insel Capri beeindruckt ihn sehr: Der Wunsch einer große Welt mit dem Vertrauen einer kleinen und sonnigen Insel!

Weitere Berichte und Zitate über Neapel und die Region findet ihr in meinem Blog.

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