Die Seerepublik von Amalfi

Die Geschichte des wichtigen Herzogtums von Amalfi an der nach ihr benannten göttlichen Küste

Amalfi ist die erste und über 200 Jahre lang die mächtigste Seerepublik Italiens. Der Begriff “Seerepublik” entstammt einer Definition aus dem 19. Jahrhundert, mit der die wichtigsten italienischen Städte benannt werden, die durch den Handel über dem Meer zu großem Reichtum und politischer Autonomie gekommen sind. Neben Amalfi waren zum Beispiel auch Venedig, Genua und Pisa mächtige Seerepubliken. Die vier Wappen der Seerepubliken formen heute die Fahne der italienischen Marine.

Der Ursprung von Amalfi

Die Gründung der Stadt Amalfi ist wahrscheinlich mit der Funktion einer Festungsanlage innerhalb der byzanthinischen Verteidigungsstruktur verbunden, die gefährliche langobardische Angriffe abhalten sollte. In der alten defensiven Struktur entwickelt sich erst ab dem 6. Jahrhundert langsam eine selbstständige Bürgerschaft.

Die Aufstieg der Handelsmarine

Blick auf Atrani, charakteristischer Nachbarsort von Amalfi

Eine intensivere Entwicklung von Amalfi ist ab der Mitte des 8. Jahrhunderts sichtbar: eine etwa 70 Jahre dauernde Pause der sarazenischen Übergriffe erwirkt eine Verstärkung der Handelsroute von Sizilien und dem muslimischen Afrika zur Küste Kampaniens. Durch die Lage am steilen Hang und dem verbundenen Mangel an Ackerland, dafür aber gut geschützt gelegen, ist das Glück Amalfis fast zwangsläufig mit der Marine und dem Handel verbunden. Zu dieser Zeit ist Amalfi noch vom Herzugtum von Neapel abhängig, erreicht aber mittlerweile eine ebenbürtige Wichtigkeit, die auch durch den allgemeinen wirtschaftlichen Wachstum der kampanischen Küste und des Mittelmeerraumes verstärkt wird. In Neapel legen viele amalfitanische Schiffe an und verschiedene Straßen werden von amalfitanischen Stoffhändlern bewohnt. In Kampanien haben amalfitanischen Handelskolonien auch in Capua und Benevent einen Sitz, im Sūden Italiens ebenfalls in Palermo, Messina, Reggio Calabria als auch in verschiedenen Hafenstädten Apuliens wie zum Beispiel Trani.

Die Unabhängigkeit von Neapel

Amalfi schafft es ihre politische und militärische Autonomie durch die Abwehr der langobardischen Angriffe zu wahren. Von 783 bis 785 wird Amalfi vom beneventanischen Fürst Arich II belagert und erst duch die Hilfe des Herzogtums von Neapel befreit. Erst 839 wird Amalfi von den Langobarden durch Sichard besiegt und ein Teil der Bevölkerung nach Salerno deportiert, durch eine Ribellion befreit sich Amalfi jedoch im selben Jahr und erreicht seitdem faktisch zum ersten Mal eine Unabhängigkeit vom Herzogtum von Neapel. Die überlegene sarazenische Handelsmarine kontrolliert in dieser Epoche den Mittelmeerraum. Nur Venedig und Amalfi bleiben zu jener Zeit noch durch Handel auf dem Mittelmeer aktiv: Venedig durch den Direktkontakt mit Konstantinopel über das adriatische und ionische Meer, während Amalfi für die Handelsmarine der islamischen Welt der letzte christliche Haupthafen darstellt.

Der Entwicklung des Handels

Ein im orientalischen Stil nachgebautes Hotel in Amalfi

Im Laufe des 9. Jahrhunderts emanzipiert sich Amalfi von der Abhängigkeit vom Herzogtum von Neapel. Eigene Komitees und Präfekte werden ernannt, die zu Mitte des 10. Jahrhunderts durch einen Herzog ersetzt werden. In diesen schwierigen Zeiten schafft Amalfi es sich ein Gleichgewicht zwischen Langobarden und Sarazenen sowie byzanthinischen und fränkischen Kaisern zu schaffen und somit eine Autonomie zu wahren. In diesem schwierigen Kontext entwickelt sich der amalfitanische Handel und die Marine erreicht im 9. Jahrhundert den Vatikanstaat, Sizilien und Tarent und im 10. Jahrhundert die wichtigsten Häfen des östlichen Mittelmeers. Zudem wurden durch die Prefetturi Mühlen betrieben, um den Profit aus dem Getreidehandel noch zu steigern. In dieser Zeit wird Amalfi durch den strategisch gelegenen Handelshafen ein Treffpunkt der italischen, byzanthinischen und arabischen Welt. Amalfi entwickelt sich zu einer der wenigen im Orient bekannten Städte Italiens des 10. Jahrhunderts.

Vermittlung und Handelskolonnien

Durch die relativ geringe Größe des Herzogtums und des damit verbundene Mangels an eigenen Exportprodukten, basiert sich Amalfis Handelsglück auf die eingenommene Vermittlerrolle. Nach Nordafrika wird europäisches Holz, Getreide und Eisen geliefert, im Gegensatz werden Seidenstoffe, Medizinalien, Luxusgüter und weitere Produkte aus der arabischen und byzantinischen Welt nach Amalfi gebracht. Die Händler Amalfis bewegen sich entlang der tyrrhenischen Küste, nach Norditalien, bis ins adriatische Meer mit Sitzen in Ravenna und Durrës. Dank eines Paktes mit dem beneventanischen Fürsten Sichard aus dem Jahr 839 ist es den Amalfitanern möglich sich frei zu bewegen und somit auch Nordafrika zu erreichen, wo Handelskolonien mit eigenem Recht in Tunis, Alexandria, Kairo, Tyros und Konstantinopel errichtet werden. Noch vor Pisa und Venedig erhält Amalfi für seine Händler in Konstantinopel Baugrund, Lagerräume, eine Kirche und einen Friedhof.

Das Territorium der Seerepublik Amalfi

Der Wohlstand und die politische Relevanz Amalfis steigert sich erheblich. Ibn Hawqal, ein wichtiger Händler aus Baghdad, besucht Amalfi im Jahre 972 und beschreibt sie als wohlhabendste Stadt der Longobardia und als mittlerweile wichtiger als Neapel. Zu ihrer Glanzzeit erreicht die Seerepublik von Amalfi eine territoriale Ausbreitung von Cetara bis Positano inklusive der Insel Capri, sowie einen bedeutenden Teil des Lattari-Gebirges mit den Schlössern von Gragnano und Lettere nah der Grenze zum Herzogtum von Sorrent.

Papier und orientalische Elemente

Die Amalfitaner gehören zu den ersten, die die Verwendung des Kompasses im Westen verbreiten und eine neue Papierproduktion entwickeln, die schließlich das Pergament ablösen wird. Auf ihren Reisen im Orient lernen die Amalfitaner auch neue Kunstformen und Bautechniken, die den eigenen etwas kargen romanischen Stil mit byzanthinischen und arabischen Elementen bereichern und zur Geburt des “amalfitanischen Romanikstils” führen wird.

Die Verbreitung des Kompasses

Wegen einer Fehlinterpretation bei der Übersetzung eines Textes des Humanisten Flavio Biondo dachte man lange, daß der amalfitaner Flavio Gioia der Erfinder des Kompasses gewesen wäre. In Wirklichkeit hat ein Flavio Gioia wohl nie wirklich existiert, da der Kompass wahrscheinlich aus China eingeführt worden ist und die Amalfitaner dieses Instrument weiterentwickelt und den Brauch bei den europäischen Handelsmarinen verbreitet hätte.

Die Tabula de Amalpha

Klare Hinweise auf die wichtige Rolle der Frauen Amalfis und die Verhaltensregeln an Bord werden schließlich mit der Tabula de Amalpha im gesamten Mittelmerrraum verbreitet: die amalfitanischen Tafeln enthalten einen Teil in Lateinisch aus dem 10. Jahrhundert, während ein weiterer Teil im 13. Jahrhundert hinzugefügt wird. Die Tafeln geben klare Hinweise zu Notfällen wie Krankheiten oder Piratenangriffe, den Rechten und Pflichten der Seemänner sowie Hinweise zum Handel und wie man Betrugsversuche vermeiden kann. Der damals sehr innovative Text wird noch bis ins 16. Jahrhundert ein wichtiger Anhaltspunkt der internationalen Handelsmarinen bleiben.

Bronzetüren aus Konstantinopel

Erhaltene Mosaikdekorationen – sichtbar im Dom von Amalfi

Die amalfitanischen Händler im Orient erwirtschaften beachtliche Reichtümer. Unter ihnen war auch Pantaleone, ein kaiserlicher Patrizier, der im Jahr 1060 dem Dom von Amalfi und im Jahr 1071 der Abtei von Montecassino zwei in Byzanz gegossene Bronzetüren schenken wird und versucht mit Hilfe der kaiserlichen Macht die Gefahr der Normannen zu bekämpfen. Sein Sohn Mauro gründet währenddessen Altersheime in Jerusalem und Antakya.

Der Ursprung des Malteser-Ordens

Einige Jahre vor der Befreiung Jerusalems durch die Kreuzzüge im Jahr 1099 erhalten einige Händler und benedektinische Mönche unter dem Frate Gerardo Sasso da Scala um den vielen Pilgern Unterstützung geben zu können vom ägyptischen Kalifen die Erlaubnis nahe dem heiligen Grabmahl in Jerusalem ein Krankenhaus sowie eine Kirche mit dem Namen Santa Maria dei Latini zu errichten: dies ist der Ursprung des Johanniter-Ordens von Jerusalem, der schließlich nach Rhodos und Malta weiterziehen wird und bis heute das antike Stadtsymbol Amalfis mit dem weißen oder silbernen Kreuz mit acht Spitzen im Wappen trägt.

Der Verlust der Autonomie an die Normannen

In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts verschlechtert sich die Lage der Amalfitaner, die sich wegen dem beständigen Druck der Langobarden im Jahr 1073 an Robert Guiskard, dem normanischen Grafen von Apulien wenden um ihn nach Schutz zu ersuchen. Der wirtschaftliche Niedergang der Stadt wurde 1082 besiegelt, als Venedig von Byzanz das Monopol für den Westhandel zugesprochen bekam. Ab diesem Zeitpunkt leidet Amalfi unter den Normannen und es entstehen über 50 Jahre lang gewalttätige Aufstände gegen die neue Besatzung, die endgültig von Roger II dem Normannen im Jahre 1131, nur einem Jahr nachdem er zum König von Sizilien gekürt wurde, niedergeschlagen werden.

Die Zerstörung Amalfis durch die Pisaner und Langobarden

Amalfi bleibt zwar weiterhin ein Herzogtum mit Handelsprivilegien, doch nur vier Jahre später erreicht die pisanische Flotte, die langobardische Armee des Fürsten von Capua und weitere Feinde der Normannen mit 46 Kriegsschiffen die Amalfiküste um den historischen Rivalen Amalfi größtenteils zu zerstören. Seit einiger Zeit hatten die Pisaner eine Handelsloge in Neapel und ihren Handel mittlerweile bis Sizilien und in den Orient erweitert und waren somit offizielle Konkurrenten der Amalfitaner, während das Herzogtum von Neapel zu jener Zeit sich noch nicht den Normannen ergeben hatte. Amalfi und viele weitere Küstenstädte des Herzogtums werden heftig ausgeraubt. Nur zwei Jahre später greift greift die pisanische Marine erneut an: während sich Amalfi durch Gold freikaufen kann, werden Scala und Ravello drei Tage lang stark beschädigt und die lokale Wirtschaft erleidet einen harten Schlag von dem sie sich lange nicht erholen wird.

Weitere Infos finden Sie in meinem Blog zur Geschichte Neapels und Kampaniens

 

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