Anton Tschechow in Pompeji und auf dem Vesuv

Eine höllische Erfahrung am Krater nach einem lokalen Rotwein und einem anstrengenden Aufstieg.

Anton Tschechow, An die Familie, Neapel, 7. April 1891

“Gestern war ich in Pompeji und habe es besichtigt. Das ist, wie ihr wißt, eine römische Stadt, die im Jahre 79 n. Chr. Geb. von der Lava und Asche des Vesuvs verschüttet wurde. Ich ging durch die Straßen dieser Stadt und sah die Häuser, Tempel, Theater, Plätze…Ich sah sie und staunte über das Vermögen der Römer, Einfachheit mit Bequemlichkeit zu verbinden.

Nach der Besichtigung von Pompeji aß ich in einem Restaurant, danach beschloß ich, den Vesuv zu besteigen. Stark befördert hatte diesen Entschluß der ausgezeichnete Rotwein, den ich getrunken hatte. Bis zum Fusse des Vesuvs mußte man reiten. Aus diesem Grunde fühlte ich mich an einigen Stellen meines vergänglichen Körpers so, als wäre ich in der dritten Abteilung gewesen und dort verprügelt worden. Was für eine Qual, den Vesuv zu besteigen!

Der Vesuv und Torre Annunziata auf einer Postkarte, 1891

Asche Lavaberge, erstarrte Wellen geschmolzener Mineralien, Gesteinsbrocken und aller möglicher Dreck. Man tut einen Schritt vorwärts – und einen halben Schritt zurück, die Fußsohlen tun einem weh, das Atmen wird schwer…Man geht, geht, geht, aber bis zum Gipfel ist es noch weit. Man denkt: solltest du nicht lieber umkehren? Aber umzukehren wäre peinlich, die andern würden einen ja auslachen. Der Aufstieg begann um Zwei ein Halb Uhr und endete um Sechs.

Der Krater des Vesuvs hat einige Sazen im Durchmesser. Ich stand an seinem Rand und sah hinunter wie in eine Tasse. Der Boden, ringsum mit einem Anflug von Schwefel bedeckt, raucht stark. Aus dem Krater quillt weißer, stinkiger Rauch, fliegen Spritzer und glühende Steine, und unter dem Rauch liegt Satan und schnarcht. Ein ziemlich vermischtes Geräusch: man hört die Brandung von Wellen, hört den Himmelsdonner, das Pochen von Eisenbahnschwellen und das Krachen fallender Bretter. Es ist furchterregend, und zugleich möchte man hinunterspringen, direkt in den Schlund. Ich glaube jetzt an die Hölle.”

Anton Pawlowitsch Tschechow war ein russischer Schriftsteller, Novellist und Dramatiker und einer der bedeutendsten Autoren der russischen Literatur.

In diesem Brief beschreibt Tschechow den in jener Zeit noch aktiven Vesuv, der eine sehr irreguläre Aktivität hatte. Eine interessante Zeitaufnahme über die Anstrengungen, die die Besucher auf sich genommen haben um die Faszination des aktiven Vulkans zu erleben und die Auswirkungen auf Tschechow, die in ihm eine Mischung aus Anziehung und Furcht auslösen. Ob nicht auch der intensive lokale Wein teilweise bei seinen Gefühlen mitgewirkt haben könnte?

Weitere Berichte und Zitate über Neapel und die Region findet ihr in meinem Blog.

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